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Christian Bauer (SR): Der Mann hinter dem Saarbrücker Tatort – warum er lieber Menschen als Stoffen vertraut

Am Sonntagvormittag predigt er als Pastor, den Rest der Woche managt er als SR-Unterhaltungschef einen beeindruckenden „Mehrkampf“. Von der Kochshow „Mit Herz am Herd“ bis zu Klassikkonzerten, dem Tatort und Kino-Koproduktionen – Christian Bauers Portfolio ist riesig. Dass er sein Handwerk versteht, bewies jüngst der Tatort „Das Böse in dir“: Mit 7,640 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 26,4 Prozent fegte er das zeitgleiche Dschungelcamp-Finale vom Platz.  Dabei agiert Bauer nicht als bloßer Verwalter von Budgets, sondern als leidenschaftlicher Qualitätswächter. In diesem Interview gewährt uns Christian Bauer exklusive Insights in die 18-monatige Entstehungsphase eines Tatorts und verrät, warum er als Redakteur zwar beharrlich nörgelt, bis eine Geschichte logisch ist, aber niemals selbst die Lösungen diktiert. Zudem blicken wir auf ein spannendes Experiment: Mit dem neuen „Saarland-Krimi: Bruder, Liebe, Tod“ schickt der Sender eine zweite Marke ins Rennen, die die Region filmisch neu definieren soll. Erfahren Sie, warum ein Pastor keine Angst vor den Abgründen der Bibel hat, warum er bei Kinoproduktionen lieber auf Menschen als auf Stoffe setzt und wie er sich nach einem intensiven Arbeitstag an der Blues Harp oder beim 1. FC Köln wieder erdet.

Zur Person:

Christian Bauer ist Redakteur und Programmgruppenleiter beim Saarländischen Rundfunk. Er verantwortet ein breites Portfolio, das vom Saarländischen Tatort über Kino- und Fernsehkoproduktionen bis hin zu Unterhaltungssendungen, Klassikkonzerten, Kinderformaten und saisonalen Produktionen reicht. Neben Auftragsproduktionen ist er an nationalen und internationalen Koproduktionen beteiligt und engagiert sich für den filmischen Nachwuchs. Im Ehrenamt ist er als Pastor tätig; zudem ist Musik – insbesondere Blues – ein wichtiger Ausgleich für ihn.

Herr Bauer, Sie sind Pastor im Ehrenamt und gleichzeitig Redakteur beim SR. Auf der einen Seite stehen Sie sonntags in der Kirche, während es am Sonntagabend beim Tatort oft um Mord und Totschlag geht. Wie sieht dieses moralische Zusammenspiel aus und wie geht das für Sie zusammen?

Ich erzähle das immer wieder gerne, weil Krimi und Kirche für mich eigentlich supergut zusammenpassen. Was man als Pfarrer macht, ist im Grunde die Arbeit mit der Bibel, und die Bibel erzählt Geschichten – sie ist im Prinzip ein großes Drehbuch. Wenn man genau hinschaut, beginnt es in der Bibel schon ganz vorne mit einem kriminellen Akt: einem Mundraub bei Adam und Eva und dem Apfel. Direkt im vierten Kapitel haben wir einen Brudermord mit Kain und Abel. Wir finden Voyeurismus mit Bathseba im Bade, und es gibt schlichtweg keinen kriminellen Akt – ob Mord, Totschlag oder Vergewaltigung – den die Bibel nicht kennt und thematisiert. Insofern liegen Krimi und Kirche eigentlich relativ nah beieinander. Im Kern geht es bei beiden Jobs um dasselbe: das Erzählen von Geschichten und die Vermittlung von Sinn.

Das Bild der Bibel als Drehbuch, das keinen Abgrund auslässt, ist ein starkes Fundament. Wenn man dieses Ziel der Sinnvermittlung auf den modernen Fernsehkrimi überträgt: Versteht sich der SR-Tatort in dieser Tradition eher als ein kritisches Spiegelbild der Gesellschaft denn als reine Abendunterhaltung?

Wir versuchen bei den Krimis, die wir im Tatort erzählen, tatsächlich immer, auch einen Blick auf die Gesellschaft zu richten und zu gucken: Was läuft eigentlich schief? Obwohl ich Unterhaltungschef beim SR bin, produzieren wir keinen rein „unterhaltsamen“ Tatort im klassischen Sinne – das überlassen wir lieber Münster. Wir wollen stattdessen den Finger in Wunden legen und zeigen, wo es in der Gesellschaft vielleicht nicht mehr so schön ist und wo man trotzdem mal hingucken muss. Insofern haben wir natürlich schon einen moralischen Impetus, aber darum geht es primär nicht. Primär geht es darum, einen spannenden Krimi zu erzählen, aber uns lässt natürlich das Umfeld und die Geschichte drumherum nicht kalt.

v.l.n.r.: Brigitte Urhausen (Hauptkommissarin Esther Baumann), Jan Kruse (Produzent), Vladimir Burlakov (Hauptkommissar Leo Hölzer), Kerstin Polte (Regie), Ines Marie Westernströer (Hauptkommissarin Pia Heinrich), Christiane Buchmann (Kamera), Daniel Sträßer (Hauptkommissar Adam Schürk), Christian Bauer (Redaktion SR) – Foto: © SR/Pasquale D‘Angiolillo

Dieser moralische Anspruch erfordert eine enorme redaktionelle Präzision. Ihre Rolle beim SR erschöpft sich keineswegs im Tatort; wenn man sich Ihr Portfolio ansieht, wirken Sie fast wie ein Spagatkünstler der Programminhalte. Was gehört neben dem Krimi noch alles zu Ihrem Aufgabenbereich?

Ich würde eher sagen, es ist ein „Mehrkampf“, was ich da mache. Tatsächlich ist unsere Abteilung beziehungsweise unsere Programmgruppe sehr klein: Ich habe noch eine Redakteurin, eine feste freie Mitarbeiterin im redaktionellen Bereich und eine eineinhalb Stelle Redaktionsassistenz. Damit stemmen wir ein riesiges, buntes Portfolio, das eigentlich viel zu groß für uns ist: Wir verantworten die Kochsendung „Mit Herz am Herd“, saisonale Produktionen wie den Karneval, die Klassikkonzerte der Deutschen Radio Philharmonie (DRP) sowie das Format „SR vor Ort“ und unser Engagement bei der Aktion „Herzenssache“. Hinzu kommen Kino-Koproduktionen, Auftragsproduktionen, ein Kinderfilm und die Vertretung in drei ARD-Koordinationen. Was wir aktuell allerdings schmerzlich vermissen, ist das Kabarett mit „Alfons und Gäste“, aber wir denken natürlich schon darüber nach, wie wir dort ein neues zeitgemäßes Angebot schaffen können.

Wie managen Sie denn diese Fülle an Aufgaben, ohne dass die Qualität unter der Quantität leidet?

Der entscheidende Punkt ist, sich immer auf die Aufgabe zu fokussieren, die gerade dran ist. Ich nenne das „prioritäres Arbeiten“: Wir machen immer das, was gerade ansteht, und dann bleibt eben auch mal anderes liegen. Das versteht nicht immer jeder, aber wenn man mich beispielsweise während einer Showproduktion anspricht, ob wir einen Termin für eine neue Drehbuchbesprechung machen können, dann sage ich: „Nach dieser Produktion gerne“. Es gibt einfach Stoßzeiten, in denen richtig viel los ist. Derzeit überprüfen wir unsere Arbeitsprozesse und suchen nach Dingen, die wir anders strukturieren können.

Sie haben bisher viel in der „Wir-Form“ gesprochen. Um Ihre persönliche Rolle in dieser komplexen Materie besser zu verstehen: Wo genau liegen Ihre eigenen Aufgabenschwerpunkte und wie delegieren Sie in einem so kleinen Team?

Ich mache von allem immer ein bisschen, aber mein erklärtes Ziel ist es tatsächlich, viel zu delegieren. Ich versuche, meine Zuständigkeiten und Programme so aufzustellen, dass ich mich im Prinzip selbst ein Stück weit überflüssig mache. Ein gutes Beispiel aus der Praxis ist unsere Kochsendung: Ich habe dort geschaut, wo wir Prozesse optimieren können. Wenn die neue Staffel geplant wird, entscheide ich z. B. zwar noch über die Drehorte – ich schaue mir das an und sage, wo ich gerne hin möchte und wo nicht – aber sobald die zwölf Sendungen in der Planung stehen, laufen sie mit nur noch sehr geringem Einsatz meinerseits. Cliff Hämmerle ruft vielleicht an, um ein Gericht abzustimmen, aber am Ende ist er der Koch und mein Team weiß genau, was zu tun ist. Und das gilt auch für andere Bereiche: Ich gebe im Vorfeld die Rahmenbedingungen vor, innerhalb derer das Team dann autonom und gut arbeiten kann. Mein eigentlicher Job besteht zu einem großen Teil aus Programmorganisation. Zudem vertrete ich den SR in drei ARD-Koordinationen. Für einen kleinen Sender wie den SR ist es lebenswichtig, im „Konzert der Großen“ innerhalb der gesamten ARD stattzufinden und Flagge zu zeigen.

Wenn Sie so konsequent delegieren, klingt das nach einer strategischen Führung. Dennoch bleibt der Eindruck, dass Sie bei den Ressourcen das letzte Wort behalten. Sind Sie in diesem Gefüge so etwas wie der „Endgegner“?

(lacht) Wenn die Frage lautet: „Können wir mehr Geld haben?“, dann bin ich tatsächlich derjenige, der „Nein“ sagt, denn ich habe die Budgetkontrolle. Programm lässt sich immer leicht und schön machen, wenn man nicht über Geld nachdenken muss, aber jede Minute kostet eben. Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass wir effektiv arbeiten. Als ich die Leitung der Programmgruppe übernahm, war mir klar: Wir müssen gucken, dass wir bei stagnierenden Einnahmen – jeder weiß, dass die eigentlich seit zwei Jahren eingepreiste Beitragserhöhung immer noch nicht da ist – und gleichzeitig teurer werdenden Produktionen dasselbe Programmniveau halten. Das kann rein rechnerisch eigentlich nicht funktionieren. Deshalb bin ich der „Endgegner“, wenn es darum geht, hart zu bleiben: Wir müssen mit dem Geld, das wir haben, ein sendefähiges, schönes Programm machen. Da gibt es dann eben kein zusätzliches Budget, auch wenn es noch so „schön“ wäre.

Wie schafft man es konkret, trotz dieser stagnierenden Mittel ein qualitativ hochwertiges Programm zu produzieren, ohne dass der Zuschauer das Gefühl hat, an der falschen Stelle werde gespart?

Ich kann Ihnen da ein ganz aktuelles Beispiel aus der Praxis nennen: die „St. Ingberter Pfanne“. Das ist ein Format, das wir seit Ewigkeiten machen, aber die Produktion wird immer teurer. Die Location, die „Alte Schmelz“, ist nicht gerade günstig zu bespielen, da wir dort enorm viel Technik auffahren müssen. Wir haben uns irgendwann gefragt, was eigentlich die Kostentreiber sind, und die Antwort war: das Licht. Früher haben wir den ganzen Saal aufwendig ausgeleuchtet, um mit einem Kamerakran das gesamte Publikum einzufangen und zu zeigen, wie toll die Stimmung ist. Das ist aber extrem kostspielig. Jetzt machen wir es eher wie bei Böhmermann: Wir konzentrieren uns auf das Geschehen auf der Bühne und leuchten vielleicht noch die ersten drei Reihen aus, während der Rest im Dunkeln bleibt. Das stört niemanden, spart uns aber auf einen Schlag einen Haufen Geld ein. Wenn wir durch solche Maßnahmen die Sendung überhaupt erst finanzierbar halten, dann ist das ein Gewinn für alle. Dieses Prinzip der Effizienz zieht sich durch alle unsere Produktionen, auch durch die Fiction.

Beim Tatort erwartet das Publikum jedoch eine gewisse visuelle Opulenz. Können Sie dort ähnlich drastisch den Rotstift ansetzen, ohne die künstlerische Vision zu gefährden?

Bei der Fiction, speziell beim Tatort, ist der größte Kampf eigentlich der um die Drehtage. Ein eingesparter Drehtag ist ein „richtiger Batzen Geld“, aber das birgt auch Gefahren. Wenn man statt 21 Tagen weniger Zeit hat, muss man pro verbleibendem Tag mehr Sendeminuten produzieren, was man der Bildqualität am Ende ansehen kann. Deshalb bin ich bei meinen Produzenten in einer anderen Hinsicht ziemlich „ekelhaft“: Ich lasse die Drehbücher stoppen – und zwar immer wieder. Wenn ich beim Stoppen feststelle, dass ein Buch auf 102 Minuten hinausläuft, dann ist das zwölf Minuten zu lang. Natürlich braucht man im Schnitt ein bisschen „Fleisch“, um Szenen kürzen zu können, aber eine Vorstoppzeit von 94 oder 95 Minuten ist ideal. Alles, was darüber hinausgeht, kostet Geld für Material und Zeit am Set, das wir am Ende im Schneideraum ohnehin wegschmeißen würden. Ich entscheide lieber vorher, worauf wir verzichten, damit wir das gesparte Geld für die Dinge haben, die wirklich im Bild landen. Letztlich ist das ein reiner Managementjob: Wir müssen in härteren Zeiten dafür sorgen, dass das schöne Programm trotzdem auf den Bildschirm oder das Handy kommt.

Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass innerhalb der ARD alle Tatorte mit der gleichen Summe kalkuliert werden. Ist das so?

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