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Dr. Michael Jelden: Die 20-Jahre-Lücke – Warum wir länger leben, aber früher krank werden [Arztkolumne]

Zur Person: Geboren 1971 in Stuttgart, studierte er Medizin in Homburg/Saar sowie Musik und Sprachwissenschaften in Stuttgart, Saarbrücken, Tübingen und München. Nach der Promotion zum Dr. med. folgten Stationen in der Inneren Medizin (Onkologie, Kardiologie, Rheumatologie) und der Allgemeinchirurgie am UKS. Dr. Jelden ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Präventionsmediziner, zertifizierter Hypertensiologe (DHL) und Ultraschallexperte (DEGUM I). Er lehrt an der Universität des Saarlandes und wurde 2019 mit dem Forschungspreis der Werner-Zeh-Stiftung ausgezeichnet.

Dr. Michael Jelden

Wer um die Mittagszeit im Fitnessstudio trainiert, begegnet dort regelmäßig einer Patientengruppe, die in der klassischen Sprechstunde einer Arztpraxis selten auftaucht: Männer und Frauen, oft jenseits der 70, die mit beeindruckender Ausdauer trainieren. Ihnen geht es nicht um Rekordgewichte, sondern um eine Investition von Disziplin und Zeit in die eigene Zukunft.

Diese Menschen sind die vitale Ausnahme einer beunruhigenden Statistik: Seit 1990 ist die Lebenserwartung in Deutschland um rund sechs Jahre gestiegen, doch die Gesundheitsspanne hält nicht Schritt. Während die Lebenserwartung die reine Anzahl der Lebensjahre beschreibt, definiert die Gesundheitsspanne jenen Zeitraum, den wir ohne chronische Leiden und Einschränkungen verbringen. Wir gewinnen zwar Lebenszeit, verbringen aber am Ende oft bis zu zwei Jahrzehnte mit chronischen Krankheit. Die Senioren im Gym haben sich entschieden, diese Schere aktiv zu schließen.

Das System-Paradoxon: Belohnung für die Reparatur

Warum klafft die Lücke zwischen Lebenszeit und Gesundheit so weit auseinander? Ein wesentlicher Grund liegt in der Struktur unseres Gesundheitswesens. Im aktuellen System sind Ärzte primär als Verwalter von Krankheiten vorgesehen, nicht als Bewahrer von Gesundheit. Es belohnt die „Reparatur“ durch Medikation und späte Intervention. Die zeitintensive Suche nach Ursachen, proaktive Beratung und echte Früherkennung werden ökonomisch oft nicht abgebildet oder sogar abgestraft. Die Medizin weiß längst, wie wir Risiken präzise bestimmen und reduzieren können. Dennoch agiert das System meist erst dann, wenn der Schaden bereits für jeden sichtbar ist.

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Veraltete Standards blockieren den Fortschritt

Ein Vergleich: Wer sein Fahrzeug zur Inspektion bringt, erwartet eine präzise Computerdiagnose und keinen bloßen Blick unter die Haube. In der Medizin klafft hier eine gefährliche Lücke. Viele Standarduntersuchungen der gesetzlichen Vorsorge bilden nicht den aktuellen Stand der Wissenschaft ab. Ein Beispiel aus meiner Praxis ist die Diagnostik der Fettleber – eine schleichende Epidemie, die bereits jeden Dritten betrifft. Sie entwickelt sich über Jahre unbemerkt, bevor sie schwer behandelbare Schäden verursacht. Oft wird sie gar nicht, oder nur mit Methoden diagnostiziert, die für eine echte Früherkennung zu unscharf sind. Während sich das medizinische Wissen etwa alle 3 Monate verdoppelt, verlässt sich der Standard oft noch auf Verfahren, die Jahrzehnte alt sind. Moderne Methoden wie die Scherwellenelastografie ermöglichen es heute, Gewebeveränderungen der Leber hochpräzise zu quantifizieren – lange bevor Blutwerte steigen oder Symptome auftreten. Solche Innovationen finden sich jedoch meist nur dort, wo Praxen über das Regelleistungsvolumen hinaus in modernste Technik investieren. Doch genau hier liegt die Chance, die Gesundheitsspanne an die Lebenserwartung anzugleichen.

Die Brücke zur Medizin von morgen

Moderne Prävention schlägt die Brücke zwischen heutiger Praxis und der Medizin der Zukunft. Eine Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) zeigt bereits, wie KI-Modelle individuelle Krankheitsverläufe über 20 Jahre prognostizieren können. Wenn wir durch solche Methoden die individuellen Schwachstellen eines Patienten kennen, können wir punktgenau dort ansetzen, wo der größte Effekt auf das gesunde Altern zu erwarten ist.

Fazit:  Gesundheit ist kein Ersatzteil

Innovative Diagnostik ist der Kompass für ein langes, gesundes Leben. Doch Technik ist nur der Wegweiser. Die eigentliche Arbeit findet außerhalb der Praxis statt – in der Küche, im Alltag und beim Sport. Nutzen Sie moderne Diagnostik als Ihre persönliche „Inspektion“, um sicherzustellen, dass Ihre gewonnenen Jahre auch wirklich gesunde Jahre bleiben. Unser biologisches System ist unersetzlich – behandeln wir es so.

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