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Steampunk, Drag, Subkultur: Das Saarländische Staatstheater reißt alle Grenzen ein

Die Grenzen verschwimmen in der neuen Saison spürbar. Wenn das Saarländische Staatstheater ab August seine Türen öffnet, treffen harte Bässe auf klassische Arien, Drag-Kunst auf Opernstrukturen, und auf den Bühnen wird verhandelt, wie das Saarland eigentlich arbeitet.

Zylinder, Frack, ein Cello, ein Kontrabass und eine Klarinette. Wenn die Musiker der Berliner Band Coppelius im Oktober die Bühne des Großen Hauses betreten, weht ein frischer und außergewöhnlicher Hauch von viktorianischer Exzentrik durch Saarbrücken. Die für ihren eigensinnigen „Kammercore“ bekannte Formation hat Otfried Preußlers Jugendroman „Krabat“ in eine düstere Steampunk-Oper verwandelt. Gemeinsam mit dem Komponisten-Kollektiv Himmelfahrt Scores bringen sie eine Klangwelt auf die Bühne, die Rock, Punk, Neoklassik und Oper miteinander verschmilzt. Es ist ein lauter, bildgewaltiger Aufschlag für eine Spielzeit, die sich mit ihren rund 500 Vorstellungen und über 39 Produktionen vorgenommen hat, Genregrenzen aufzulösen. Das Theater öffnet sich für Subkulturen, für ungewöhnliche Orte und vor allem für die Realität vor der eigenen Haustür.

Wenn das echte Leben auf die Bühne drängt

Zwischen den insgesamt elf Uraufführungen zieht sich ein roter Faden durch den Schauspiel-Spielplan, der jeden betrifft, der morgens den Wecker ausschlägt: die Arbeit. Ulf Schmidt, seit einem Jahr Chefautor und Chefdramaturg am Haus, hat sich gemeinsam mit seinem Team gefragt, was die arbeitenden Menschen im Saarland aktuell bewegt. Für die Uraufführung „Alltägliche Spektakel. Ein Stück über Arbeit im 21. Jahrhundert“, das ab Anfang September in der Alten Feuerwache läuft, hat das Dramaturgie-Team im Vorfeld knapp 100 Saarländerinnen und Saarländer interviewt. Das Ergebnis, verfasst zusammen mit der Autorin Paula Kläy, ist ein Stück, in dem Wesen aus der Zukunft auf unsere arbeitende Gegenwart blicken. Doch das Haus bleibt nicht bei der bloßen Beobachtung stehen. Wie das Staatstheater ankündigt, werden im Anschluss an die Vorstellungen wechselnde Expertinnen und Experten in Kooperation mit der Arbeitskammer des Saarlandes mit dem Publikum diskutieren. Und auch auf der Bühne verschwimmt die Grenze zwischen Fiktion und Realität. Unter der Leitung von Luca Pauer, die das Format der Offenen Bühne verantwortet, werden 20 Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit dem Schauspielensemble agieren.

Noch massiver wird die Beteiligung der Stadtgesellschaft bei der Uraufführung „Wir steigern das Bruttosozzoprozzo. Oder: Meuterei im Arbeitshaus“. Wenn Schauspieldirektor Christoph Mehler den Text von Ulf Schmidt im März 2027 auf die Bühne des Großen Hauses bringt, werden sogar 50 Bürgerinnen und Bürger mitwirken. Das Stück hinterfragt unser oft rücksichtsloses Streben nach ökonomischem Wachstum und die grassierende Angst, durch künstliche Intelligenz arbeitslos zu werden.

Gesellschaftliche Reizthemen packt auch die feministische Operette „Heinze und die Frauen“ im Mai 2027 an. Unter der Regie von Maria Viktoria Linke, die damit ihr Regiedebüt in Saarbrücken gibt, geht es im Großen Haus um die noch immer präsente ungleiche Bezahlung und die geringeren Renten von Frauen. Schmidt formuliert das Ziel des Abends denkbar direkt: Man wolle den herrschenden Verhältnissen Feuer unterm Hintern machen.

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Schatten der Weimarer Republik und eine wuchtige Grand Opéra

Schauspieldirektor Christoph Mehler widmet sich in der ersten Spielzeithälfte gleich zwei gewaltigen Stoffen, die am Ende der Weimarer Republik angesiedelt sind und erschreckende Parallelen zur heutigen Zeit aufweisen. Im September feiert das Musical „Cabaret“ Premiere. Mit einer Tanzkompanie unter der Choreografie von Thomas Heep und Louisa von Spies in der Rolle der legendären Sally Bowles soll der Abend eine Liebeserklärung an die Subkultur und die Energie der Kunst werden. Im November folgt dann die Inszenierung von Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ in der Alten Feuerwache. Für Mehler, einen Exilberliner, ist diese Produktion eine persönliche Herzensangelegenheit, in der fast das gesamte Schauspielensemble gemeinsam die Geschichte einer taumelnden Metropole erzählen wird. Dem klassischen Stoff nimmt sich hingegen Philipp Preuss an, der im Januar 2027 Shakespeares „Was ihr wollt“ auf die Bühne bringt.

Im Musiktheater, das Generalintendant Michael Schulz selbst leitet, fällt der Startschuss für die Saison musikalisch opulent bereits Ende August 2026 mit Sergei S. Prokofjews Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“. Das große Ensemble- und Chorwerk entwirft laut Schulz eine humorvolle Erzählung über die Sehnsucht nach Liebe und Lebensfreude. Wer nach großen Emotionen und bekannten Melodien sucht, wird im Dezember beim Musical „The Wizard of Oz“ fündig – tanzende Blechmänner und der Film-Hit „Ding Dong! The Witch Is Dead!“ inklusive. Intimer wird es hingegen im Januar in der Alten Feuerwache mit dem Musical „The Story of My Life“ von Neil Bartram und Brian Hill, das der innigen, aber verlorenen Freundschaft zweier Männer nachspürt.

Die gesellschaftliche Schere beleuchtet Kurt Weills Broadway-Oper „Street Scene“, die ab April 2027 einen musikalisch flirrenden Blick auf das Leben in einem New Yorker Mietshaus im Hochsommer wirft. Abgerundet wird die Sparte im Juni durch Hector Berlioz’ hochdramatische Grand Opéra „Fausts Verdammnis“, die das Haus als poetische Ekstase und scharfe Mahnung an die menschliche Selbstüberschätzung ankündigt.

Ein hybrider Rausch und erwachsene Puppen

Ein echtes Experimentierraum-Format erwartet das Publikum im Mai 2027. Unter dem Titel „DRAG SPIRITS: The Poet and The Sun“ vereint das Haus Oper, Drag und Videokunst. Wie das Staatstheater mitteilt, ist die Uraufführung in der Alten Feuerwache Teil von „NOperas!“, einer Initiative des Fonds Experimentelles Musiktheater, die vom NRW KULTURsekretariat getragen wird. Ziel dieses Projekts, das in Kooperation mit dem Theater Münster entsteht, ist es, die traditionellen Opern-Strukturen aufzubrechen und nach ganz neuen musikalischen Sprachen zu suchen.

Einen völlig neuen Weg schlägt das Staatstheater zudem mit der Gründung eines hauseigenen Puppen- und Figurentheaters ein. Frei nach einem Zitat von Erich Kästner – nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, sei ein Mensch – bringt das Ensemble „flucks“ unter der Leitung von Gloria Iberl-Thieme vier Produktionen auf den Weg. Neben Iberl-Thieme gehören Maximilian Teschemacher, Daniel Jeroma und zwei weitere Künstler zum Kernteam, das visuell und emotional verzaubern soll. Im September startet die neue Sparte mit Cornelia Funkes „Drachenreiter“ im Theater überzwerg. Im November verschmelzen beim Familienstück „Der kleine Wassermann“ nach Otfried Preußler das klassische Schauspiel und das Puppenspiel im Großen Haus. Für George Orwells politische Fabel „Animal Farm“ in einer Bearbeitung des Bremer Intendanten Armin Petras zieht das Ensemble im April 2027 in die Alte Feuerwache, bevor im Mai der Mythos „Prometheus“ als Uraufführung in der rohen, industriellen Kulisse der Völklinger Hütte inszeniert wird.

Schwingungen im Ballett und französische Klänge im Orchester

Auch das Saarländische Staatsballett wartet in der neuen Saison mit so vielen Uraufführungen wie nie zuvor auf. Ballettdirektor Stijn Celis und Manager Klaus Kieser präsentieren im Oktober den dreiteiligen Abend „Schwingungen“. Hier treffen Kreationen von Celis auf zeitgenössische Choreografien der Münchnerin Anna Konjetzky und der israelischen Künstlerin Adi Salant. Pünktlich zu Weihnachten fliegt der Bühnen-Kristalllüster wieder durchs Große Haus, wenn die Erfolgsproduktion „Der Nussknacker“ zurückkehrt. Im Frühjahr 2027 folgt dann Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ als Handlungsballett zur Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Das Saarländische Staatsorchester unter Generalmusikdirektor Sébastien Rouland rückt in seinen rund 50 Konzerten den 1968 in Caen geborenen Éric Tanguy als „Composer in Focus“ ins Rampenlicht. Der überaus renommierte französische Komponist wird mit sechs Werken den Spielplan prägen. Darüber hinaus stehen sinfonische Meisterwerke wie Dvořáks Neunte Sinfonie und Strawinskys „Petruschka“ auf dem Programm. Ein musikalischer Höhepunkt der Chorliteratur dürfte das gewaltige Verdi-Requiem im Juni 2027 in der Congresshalle werden. Doch das Orchester begibt sich auch auf ungewohntes Terrain: Mit dem „Data Symphony“-Konzert, das gemeinsam mit der Akademie für Theater und Digitalität entwickelt wurde, ziehen die Musikerinnen und Musiker ebenfalls in die Völklinger Hütte. Flankiert wird das Programm von hochkarätigen Gästen wie dem britischen Dirigenten und Organisten Wayne Marshall und dem Akkordeon-Virtuosen Aydar Gaynullin.

Festivals als Schmelztiegel der Kulturen

Im Herbst verdichten sich die kulturellen Ereignisse in Saarbrücken endgültig zu einem dichten Netz aus Genres und Formaten. Ende Oktober feiert das „[ tra’vers ]“ Festival seine Premiere. Mit 215.000 Euro gefördert, will das Format vier Tage lang die vermeintlich starren Grenzen zwischen Hoch- und Subkultur einreißen. Elektronische Musik, Pop-Kultur, Lichtkunst und Klassik fließen im Großen Haus und in der Alten Feuerwache buchstäblich ineinander. Einer der Knotenpunkte dieses Festivals wird die Steampunk-Oper „Krabat“ sein. Nur einen Monat später blickt das renommierte Festival Primeurs auf stolze 20 Jahre frankophone Gegenwartsdramatik zurück.

Es ist eine Theatersaison, die sich nicht ins stille Kämmerlein zurückzieht. Das Saarländische Staatstheater präsentiert sich als ein Ort, der dorthin geht, wo es wehtut, der Gegensätze aushält und der das Publikum offensiv einlädt, mitzugestalten. Und sei es nur, um gemeinsam im neu etablierten Gasthof „Zum brennenden Herzen“ ab Januar in der Alten Feuerwache bei einer kollektiven Theatererfahrung an Schillers „Jungfrau von Orleans“ zu rütteln.

ALLES WICHTIGE ZUR NEUEN SPIELZEIT

Vorverkauf und Abonnements

Wer sich seinen Platz für die nächste Saison sichern möchte, kann Abonnements bereits ab Freitag, 8. Mai 2026, erwerben. Aufgrund der hohen Nachfrage hat das Theater ein zweites Senioren-Abonnement ins Programm aufgenommen. Der reguläre Kartenvorverkauf für Einzelkarten startet am Samstag, 13. Juni 2026.

Ticketservice

Karten gibt es online auf der Website des Staatstheaters oder direkt an der Vorverkaufskasse am Schillerplatz 2 in Saarbrücken. Die Kasse ist von Dienstag bis Freitag zwischen 10 und 18 Uhr sowie am Samstag von 10 bis 14 Uhr geöffnet.

Festival-Daten im Herbst

Das neue, spartenübergreifende [ tra’vers ] Festival findet vom 28. bis 31. Oktober 2026 statt. Das Jubiläum des Festivals Primeurs für frankophone Gegenwartsdramatik wird vom 25. bis 28. November 2026 gefeiert.

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