- Anzeige -

StartGesellschaftFrüher war's auch heiß – stimmt. Es hat aber...

Früher war’s auch heiß – stimmt. Es hat aber trotzdem niemand bei 41 Grad ein Fest aufgebaut

Jetzt. Magazin

Von Stephan Bonaventura

Essay.

Burbach also, ausgerechnet Burbach. Nicht Andalusien, nicht die Côte d’Azur, nicht irgendein Ort, an dem die Hitze wenigstens so tut, als gehöre sie zur Ästhetik. Sondern Saarbrücken-Burbach: Bahntrassen, Gewerbe, Durchgangsstraßen, aufgeheizte Fassaden – der ganz normale saarländische Stadtrand, an dem man sonst eher selten das Gefühl hat, gerade an einem historischen Punkt der Wettergeschichte zu stehen. An diesem Freitag aber wanderte genau dieser Name durch die Meldungen: Erst meldete BILD am frühen Nachmittag 40,0 Grad in Saarbrücken-Burbach, später berichteten SR und Tagesschau von 41,1 Grad – einem neuen bundesweiten Juni-Hitzerekord. Eine Zahl, die so absurd wirkt, dass man sie zweimal liest, obwohl der eigene Körper sie längst verstanden hat, mit hunderten Schweißperlen auf der Stirn.

Denn diese Hitze muss einem niemand erklären. Sie liegt nicht in Wetterkarten, Warnstufen und Eilmeldungen, sie liegt auf der Haut, auf dem Lenkrad, auf den Gehwegen, in unseren Wohnungen, in denen die Luft irgendwann nicht mehr steht, sondern sich gemütlich einrichtet. In Saarbrücken hängt sie zwischen den Häusern, in Neunkirchen drückt sie auf die Plätze, in Dillingen macht sie aus einem Open-Air-Abend eine Wette mit dem eigenen Kreislauf. In Homburg merkt man schon auf dem kurzen Weg vom Parkplatz zur Bäckerei, dass auch hundert Meter sehr lang werden können, wenn kein einziger davon im Schatten liegt. Das Saarland hat in den letzten Jahrzehnten schon so viele Arten von Sommer gekannt: den nassen, den schönen, den kurzen, den, der erst im August merkt, dass er eigentlich Juni hätte sein sollen. Dieser hier klopft nicht an. Er tritt die Tür ein.

Werbung

Und weil das Saarland klein ist, bleibt so etwas nicht abstrakt. In einem großen Bundesland ist eine Absage irgendwo vielleicht eine Meldung unter vielen. Hier aber kennt fast jeder jemanden, der betroffen ist: der hinwollte, mithelfen sollte, ausschenken oder aufbauen wollte. Das Stadtfest in Neunkirchen wurde abgesagt, das SR Ferien Open Air in Dillingen ebenfalls – Stadt, Kulturgesellschaft, SR und Tagesschau berichteten übereinstimmend, dass die Wetterlage der Grund war. Weitere Veranstaltungen traf es auch, vom Beachsport-Festival am Strandbad Losheim bis zum Weinfest in Merzig. Bei der Saarbahn und einzelnen Buslinien gab es hitzebedingte Folgen, zwei Theater-Spielorte stellten zeitweise den Betrieb ein, und über dem Wochenende lag plötzlich nicht mehr nur diese schwere Luft. Es lag ein großes, ungemütliches Vielleicht darüber.

Für ein Land, das seine Feste nicht als Eventfläche versteht, sondern als gelebte Sozialform, ist das mehr als nur ein verschobener Termin im Kalender. Im Saarland wird ein Fest ja nicht einfach „ausgerichtet“, als käme es fertig aus einem Veranstaltungskatalog. Es wird getragen. Von Vereinen, Kulturgesellschaften, Technikern, Ehrenamtlichen, Musikerinnen und Musikern, Wirten, Helfern – von Leuten, die Garnituren schleppen, Kabel ziehen, Getränke kühlen, Schilder aufstellen und am Ende hoffen, dass genug Menschen kommen, damit sich all das nicht nur gelohnt, sondern richtig angefühlt hat. Ein Stadtfest ist hier eben nicht bloß Programm.

Darum ist der Ärger über Absagen erst einmal nicht lächerlich. Natürlich darf man enttäuscht sein, wenn ein Wochenende, auf das sich Menschen lange gefreut haben, in der Wetterwarnung verschwindet. Natürlich darf man fragen, ob manches nicht anders gegangen wäre: später, kürzer, mit mehr Wasser, mehr Schatten, weniger Asphalt, weniger Gedränge, vielleicht auch mit der saarländischen Spezialdisziplin, irgendwie doch noch eine Lösung zu finden, solange irgendwo noch ein Verlängerungskabel liegt. Nicht jede Kritik ist Rücksichtslosigkeit. Manchmal ist sie nur Traurigkeit mit schlechter Laune.

Schwierig wird es erst, wenn aus Enttäuschung dieses spöttische „Ach komm“ wird. Wenn also nicht mehr jemand traurig ist, weil ein Fest ausfällt, sondern andere belächelt werden, weil sie bei 40 Grad vorsichtig sind.

„Ach komm. Früher war es auch heiß. Wir sind doch nicht aus Zucker. Früher saßen wir auch im Auto ohne Klimaanlage. Früher gab es im Klassenzimmer unter dem Dach auch keine Hitzefrei-App, sondern höchstens einen Lehrer, der das Fenster aufmachte, als sei draußen nicht dieselbe Luft wie drinnen. Früher trank man etwas, stellte sich in den Schatten und machte weiter.“

Früher, früher, früher…..

Natürlich ist da was dran. Genau deshalb ist dieser Satz ja auch so beliebt. Früher war es heiß. Früher wurde geschwitzt. Früher hat niemand aus jeder Temperatur eine Grundsatzdebatte gemacht. Aber aus Erinnerung wird noch kein Sicherheitskonzept, und aus Sturheit wird keine Fürsorge. Der Satz „Früher ging das auch“ klingt nur so lange vernünftig, bis man ihn auf eine Veranstaltung mit tausenden Menschen legt: Kinder, die vor der Bühne hocken. Ältere, die seit einer Stunde auf einem aufgeheizten Platz stehen. Helfer, für die zehn Minuten in der Sonne längst ein ganzer Nachmittag sind. Sanitäter, Busfahrer, Sicherheitsleute – und irgendwo dazwischen jemand, der seine Tabletten genommen hat und trotzdem nicht merkt, dass es zu viel war, bis der Körper schon längst nicht mehr freundlich bittet, sondern einfach abschaltet.

Eine private Entscheidung ist etwas anderes als eine öffentliche Veranstaltung. Wer bei 40 Grad allein durch Saarbrücken laufen möchte, darf das gerne tun. Der Mensch ist frei, auch zu schlechten Ideen. Er darf ohne Wasser los, er darf mittags über Asphalt gehen, er darf sich einreden, dass ein großes Bier im Grunde eine Elektrolytlösung mit Schaumkrone ist. Nur sollte man daraus kein Prinzip für alle machen. Wer organisiert, entscheidet nicht nur für sich und seine eigene Hitzetoleranz, sondern für eine Menge Menschen, die nicht alle gleich jung, gesund oder gut vorbereitet sind. Wer das vergisst, verwechselt Freiheit mit Fahrlässigkeit.

Gerade deshalb ist es zu billig, jede Absage als Bevormundung abzutun. Man sagt so etwas ja nicht ab, weil einem nichts daran liegt, im Gegenteil. Gerade weil so viel daran hängt, weil Menschen geplant, aufgebaut, gehofft und sich gefreut haben, ist der Moment so unangenehm, in dem jemand sagen muss: „Wir lassen es.“ Nicht aus Lust am Verbot, sondern weil die Umstände und die Sicherheit es einfach erfordern. Niemand sagt leichtfertig ein Stadtfest ab. Niemand streicht gern ein Open Air, das für viele Jugendliche vielleicht genau dieses eine Sommerding gewesen wäre, von dem man Jahre später noch mit Freunden erzählt. Aber wenn aus einem Fest im schlimmsten Fall ein Einsatzprotokoll werden kann, dann ist Vorsicht nicht der Feind der Lebensfreude.

Und trotzdem beginnt Verantwortung nicht erst dort, wo eine Stadt etwas absagt oder ein Veranstalter sein Programm ändert. Sie beginnt viel, viel früher, bei jedem selbst. Zum Beispiel bei der Frage, ob man wirklich genau jetzt, in der größten Hitze, los muss. Ob man genug getrunken hat. Ob ein Kind gerade jetzt auf den Spielplatz muss. Ob ältere Menschen in der Nachbarschaft oder in der Familie vielleicht Hilfe brauchen, weil ihre Wohnung seit Tagen nicht mehr richtig abkühlt und der Weg zum Einkaufen plötzlich länger wird, als er auf Google Maps aussieht. Eigentlich doch alles selbstverständlich, oder?

Vielleicht ist genau das so anstrengend an dieser Woche: dass nichts davon ganz falsch ist. Weder der Ärger über die Absagen, noch die Vorsicht der Veranstalter, noch der Wunsch nach Sommer – und auch nicht der Hinweis, dass jeder selbst ein bisschen auf sich achten sollte. Niemand möchte, dass der Sommer im Saarland nur noch aus Warnmeldungen, geschlossenen Bühnen und abgesagten Festen besteht. Man will ja raus. Nach Neunkirchen, nach Dillingen, nach Merzig, nach Losheim, irgendwohin, wo etwas los ist, wo man Leute trifft und wo der Tag nicht einfach hinter heruntergelassenen Rollläden verschwindet.

Aber vielleicht reicht genau das als Erkenntnis dieser Hitzewoche: Sommer ist nicht weniger schön, nur weil man ihn ernst nimmt. Ein abgesagtes Fest tut weh, ein verschobener Abend nervt, eine Warnmeldung kann einem gründlich die Laune verderben. Trotzdem ist Vernunft nicht das Gegenteil von Lebensfreude. Und wer bei 41 Grad nicht beweisen will, dass er härter ist als der Wetterbericht, hat nicht verloren. Er hat nur verstanden, dass auch im Saarland nicht jeder schöne Plan stärker sein muss als ein sehr heißer Tag.

Übrigens, ab Montag sinken die Temperaturen wieder.

Exklusiv mit Jetzt+ lesen:

Jonas Kirch – Der Mann, der die saarländische Bruch Brauerei neu anzapft

In einer alten Energiezentrale in Neunkirchen glänzen wieder die Braukessel. Genau hier wagt die über 300 Jahre alte saarländische Kultmarke Bruch gerade den Neustart....

Jessica Hoffmann über emotionale Gesundheit und den Stress, den viele zu lange übersehen

Viele Menschen funktionieren. Sie arbeiten, planen, antworten, kümmern sich – und fühlen sich trotzdem innerlich erschöpft, gereizt oder nie ganz bei sich. Der Kopf...

Prof. Oliver Strauch – Der Mann, der den Jazz ins Saarland holt und größer denkt

Oliver Strauch weiß genau, wie sich das Unvorhersehbare anfühlt. Als Schlagzeuger und Professor für Jazz-Konstruktionen an der Hochschule für Musik Saar kennt er die...

Süße Präzision – wie Delphine Buchholz das Backen zur Kunst erhebt

Es gibt Lebenswege, die sich nicht geradlinig erzählen lassen. Delphine Buchholz hat in Kamerun ihre Kindheit verbracht, ist zum Studium nach Deutschland gekommen, hat...

- Anzeige -