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St. Wendel feiert Philipp Jakob Riotte – Der Komponist, von dem kein einziges Bild existiert

Ein Bibliotheksregal in Italien, ein Archiv in Wien, ein Neffe mit Internetzugang und viel Geduld: So sieht Wiederentdeckung aus, wenn sie über ein Jahrhundert gedauert hat. Und sie ist noch nicht zu Ende.

Am Fruchtmarkt 3 hängt seit 1956 eine Gedenktafel, seit 2016 steht davor eine Bronzefigur mit Taktstock. Von Riotte selbst gibt es kein einziges Bild. Der Bildhauer Kurt Tassotti musste sich an ein erhaltenes Porträt von Riottes Bruder Johann Nikolaus halten und an zeitgenössische Darstellungen von Dirigenten seiner Zeit, um überhaupt eine Vorstellung von seinem Gesicht zu wagen. Das wirkt wie eine frühe Vorform dessen, was Museen heute mit forensischer Gesichtsrekonstruktion versuchen, wenn kein Bildnis überliefert ist: aus Familienähnlichkeit und ein paar Indizien ein plausibles Gesicht bauen, näher an der begründeten Vermutung als am Beweis. Wer am 16. August durch St. Wendel geht, blickt also einem Mann ins Gesicht, das so vermutlich nie existiert hat und das trotzdem das Einzige ist, was von ihm übrig blieb.

Riotte selbst wurde 1776 als Sohn des Schulmeisters Johann Riotte geboren und sang schon als Kind in der Kirchenmusik seiner Heimatstadt. Er lernte Violine, Cello, Klavier und Orgel, bevor ihn sein Weg über Trier und Blieskastel weiterführte: in Frankfurt nahm er Cellounterricht bei Johann Gottfried Arnold, in Offenbach studierte er Komposition bei Johann Anton André. Nach Jahren als Kapellmeister einer Wandertruppe fand er feste Anstellungen an Theatern: 1805 in Gotha, 1806 in Danzig, 1807 in Magdeburg, bis er 1808 nach Wien kam und dort blieb.

Es war kein schlechtes Jahr für eine solche Ankunft. 1808 ist das Jahr, in dem Beethoven im Theater an der Wien seine 5. und 6. Sinfonie aus der Taufe hob, und es ist das Jahr, in dem Riotte ihm sein Klavierkonzert op. 15 widmete. Eine Widmung wie ein Türöffner: Wer sich dem größten Namen der Stadt so unmittelbar zur Seite stellt, will erkennbar in die erste Reihe. Riotte fand ihn tatsächlich. Er stand in Kontakt zu Beethoven, zu Carl Maria von Weber und zu Fürst Nikolaus II. Esterházy, wurde Dirigent am Kärntnertortheater und später zweimal Vizekapellmeister am Theater an der Wien. Über zwei Jahrzehnte hinweg gehörte er zu den meistgespielten Komponisten der Stadt, mit Opern, Balletten und Bühnenmusiken, die heute kaum noch jemand kennt.

Was die Nachwelt später über ihn urteilte, war weniger schmeichelhaft, aber nicht unfreundlich: Riotte galt als Komponist, der sich geschickt dem Geschmack seiner Zeit anpasste, mit ansprechender Melodik, aber ohne den eigenständigen Funken, der aus einem gefragten Wiener Kapellmeister einen Klassiker macht. Einer, der im Fahrwasser der großen Wiener Namen mitschwamm, ohne selbst eines zu werden. Genau das erklärt vielleicht, warum sein Name verschwand, während der seines Widmungsträgers Beethoven bis heute jedes Klassikprogramm dominiert. Wer im Schatten der Größten arbeitet, wird gern übersehen, auch wenn er zu Lebzeiten alles andere als eine Randerscheinung war.

Zu seinem Repertoire zählte auch „Die Schlacht bey Leipzig“, ein Tongemälde, das zu Lebzeiten enorm populär war. Damit steht Riotte in derselben Gattung wie Beethovens „Wellingtons Sieg“, jenes Spektakelstück mit Kanonendonner und Gewehrsalven, das 1813 zum Wohltätigkeitskonzert für verwundete Soldaten uraufgeführt wurde und das die Musikkritik bis heute eher belächelt als feiert. Beethovens Stück feiert den Sieg bei Vitoria, Riottes Titel den bei Leipzig – beide Schlachten, die im selben Jahr über Napoleons Rückzug entschieden, und beide Komponisten reagierten mit derselben musikalischen Idee: Krieg als Hörerlebnis, lange bevor es Filmmusik gab. Man kann Riottes Schlachtenstück durchaus als kleinen Bruder von Beethovens Kassenschlager lesen, entstanden aus demselben Bedürfnis nach musikalischem Triumph.

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Vieles von dem, was Riotte schrieb, geriet nach seinem Tod 1856 in Vergessenheit. Sein Oratorium „Der Sieg des Kreuzes“ galt lange als verschollen, bis es Joseph Groben, Leiter des Luxemburger Kammerorchesters, im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien fand und 2007 in Trier erneut aufführte. Noch verschlungener verlief die Spur des Klarinettenkonzerts: Der St. Wendeler Musiklehrer Gernot Spengler, der über Riotte promovierte, brachte es über den Neffen wieder ans Licht, der es nach jahrelanger Internetrecherche schließlich in einer Bibliothek in Italien aufspürte. Es ist eine Geschichte, wie man sie sonst aus der Popmusik kennt, wenn ein verschollen geglaubtes Masterband nach Jahrzehnten wieder auftaucht – nur dass hier ein Neffe die Rolle des Plattensammlers übernahm.

Nachkommen hatte Riotte keine. Er war mit Franziska Wilhelmine, geborene Schönfeld, verheiratet, blieb aber zeitlebens mit St. Wendel verbunden und unterstützte Verwandte und Bedürftige in seiner Heimatstadt. Testamentarisch gründete er 1856 eine Stiftung für die Armen St. Wendels, die bis 1907 bestand. Der Wiener Kapellmeister schickte also weiterhin Geld nach Hause, in eine Stadt, die er seit über vierzig Jahren nicht mehr als Zuhause bezeichnen konnte.

An diesem Abend steht nun allerdings nicht das wiederentdeckte c-Moll-Konzert von 2013 auf dem Programm, sondern ein anderes von Riottes Klarinettenkonzerten: das Konzert in B-Dur op. 24, zusammen mit Riottes Sinfonie Nr. 1 C-Dur op. 25 und, als Rahmen, Mozarts Sinfonie Nr. 32 in ihrem italienischen Ouvertürenstil. Solist ist Tiande Ji, der 1996 geboren wurde, sein Bachelorstudium in Peking absolvierte und an der Hochschule für Musik Saar bald sein Konzertexamen ablegt. Das Konzert gilt unter Klarinettisten als technisch anspruchsvoll, ein Stück, an dem sich zeigt, was ein Solist kann. Am Pult steht Götz Hartmann, der selbst von 1979 bis 2014 als Geiger im Rundfunk-Sinfonie-Orchester Saarbrücken saß, ab 1989 als Stimmführer der zweiten Violinen, und diese Position auch nach dem Zusammenschluss zur Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern behielt. Seit 2001 leitet er zusätzlich das Orchestre Symphonique SaarLorraine, das 1994 aus dem saarländischen Orchester Tritonus und dem Orchestre de Sarreguemines aus Lothringen hervorging und sich unter seiner Leitung vom reinen Streichorchester zu einem vollen sinfonischen Klangkörper mit Pauken und Bläsern entwickelte, komplett seit 2010. Rund fünfzig Amateurmusikerinnen und -musiker verschiedenen Alters und verschiedener Nationalität spielen heute in diesem Klangkörper, dessen Repertoire vom Barock bis in die Moderne reicht.

Tiande Ji ist Solist des Konzerts für Klarinette und Orchester B-Dur op. 24 von Philipp Jakob Riotte. – Fotograf: Ji – privat

Wer den Abend im Saalbau nutzen will, um mehr von Riotte zu sehen als nur seine Musik, hat es nicht weit. Vom Konzertsaal führt der Weg zum Fruchtmarkt, vorbei an zwei weiteren Bronzefiguren von Kurt Tassotti, die Lenchen Demuth und Nikolaus von Kues zeigen, zwei andere Namen, die sich mit St. Wendel verbinden. Am Fruchtmarkt selbst warten dann Gedenktafel und Statue, das Gesicht, von dem kein einziges Bild überliefert ist und das die Stadt sich trotzdem gemacht hat, weil sie ihren Sohn nicht ganz vergessen wollte.

Konzert zum 250. Geburtstag von Philipp Jakob Riotte 16. August 2026, 17 Uhr, Saalbau St. Wendel Orchestre Symphonique SaarLorraine, Leitung: Götz Hartmann Solist: Tiande Ji (Klarinette) Programm: Mozart – Sinfonie Nr. 32 G-Dur KV 318; Riotte – Konzert für Klarinette und Orchester B-Dur op. 24; Riotte – Sinfonie Nr. 1 C-Dur op. 25 Karten: 18 Euro, ermäßigt 12 Euro (Schüler, Studierende, Schwerbehinderte ab 50 % MdE), Kinder bis 14 Jahre frei Vorverkauf: Ticket Regional Vorverkaufsstellen (in St. Wendel: Klein Buch + Papier, Bahnhofstraße; Stage Tanzschule und Eventlounge, Eisenbahnstraße) sowie www.ticket-regional.de Veranstalter: Kreisstadt St. Wendel

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