- Anzeige -

StartKulturMusikalischer Roadtrip durchs Nordsaarland – Drei Sommerabende zwischen Rockabilly...

Musikalischer Roadtrip durchs Nordsaarland – Drei Sommerabende zwischen Rockabilly und Pop-Dadaismus

Sie können Artikel des Jetzt. Magazins in der Google-Suche nun bevorzugt anzeigen lassen.

Jetzt aktivieren Mehr erfahren

Spätestens wenn der Hochsommer im Nordsaarland das Kommando übernimmt und die Nächte kaum noch abkühlen, verlangt die Saison nach einem Soundtrack abseits der gewohnten Freiluft-Berieselung. Der anstehende musikalische Roadtrip durch den Landkreis Merzig-Wadern bedient exakt diese Sehnsucht – auf drei Bühnen, deren Spannungsbogen von dröhnenden Kontrabässen bis hin zur völligen akustischen Nacktheit reicht.

Romantische Uferlandschaften in der sommerlichen Dämmerung wecken zumeist die Erwartung einer sanften, unaufdringlichen Bespielung, die niemanden beim Weintrinken stört. Das Kreiskulturzentrum Villa Fuchs ignoriert beim Losheimer Kultursommer am 23. Juli diesen berechenbaren Reflex glücklicherweise vollends. Sobald die „Rockabilly Hellraisers“ vor dem Hochwälder Wohlfühlhotel ihr Besteck auspacken, mutiert die viel beschworene Seekulisse des Stausees zur reinen Rahmung für ein massives, fast schon physisch spürbares Rhythmusfundament. Das Trio schleppt seine Instrumente – Gitarre, Kontrabass, Schlagzeug – nun schon seit 2012 über die regionalen Bühnen und verweigert sich der braven Jukebox-Nostalgie beharrlich. Die angekündigten Nummern von Buddy Holly, Jerry Lee Lewis oder Elvis Presley haben nämlich wenig mit pastellfarbenen Diners oder harmlosen Oldtimer-Treffen zu tun, sondern offenbaren vielmehr die rohe Körperlichkeit dieses Genres, bei dem ein unbarmherzig geslappter Kontrabass weniger ein Instrument als eine treibende Maschine ist. Die durch die Verstärker gejagten Fünfzigerjahre atmen an diesem Donnerstagabend kaum die sterile historische Korrektheit eines Museumsbesuchs, sondern vielmehr die rotzige Übersteuerung des Achtzigerjahre-Revivals der Stray Cats, gnadenlos durchsetzt mit jener schweißtreibenden Nervosität eines frühen Tarantino-Soundtracks. Petticoat und Lederjacke, die ausdrücklich erwünscht sind, geraten so nicht zur nostalgischen Verkleidung, sondern zur schlichten, funktionalen Arbeitskleidung für ein Publikum, das sich dem dominanten Takt ohnehin nicht entziehen kann.

Zwei Abende später verlagert sich das musikalische Treiben mitten hinein in die urbane Architektur der Merziger Altstadt und liefert den handfesten Beweis, dass eine Eskalation auf der Bühne nicht zwangsläufig an pure Lautstärke gebunden sein muss. Umzingelt von den voll besetzten Tischen der umliegenden Gastronomien besetzt am Samstagabend die Formation „Zuppelmusik“ das Feld, die auf dem geduldigen PR-Papier zunächst wie eine typische Cover-Combo klingen mag, in der Praxis jedoch seit über zwanzig Jahren einen hochgradig konzentrierten Pop-Dadaismus betreibt. Mit rein akustischen Instrumenten und einem geradezu pedantisch feingeschliffenen, dreistimmigen Gesang zerlegt das Trio den Begriff des Evergreens bis zur Unkenntlichkeit, indem es jazzige Dreißigerjahre-Schlager völlig ungeniert mit der kühlen Härte der Neuen Deutschen Welle verkeilt oder Country-Rhythmen aus dem Nichts in ein schweres Chanson grätschen lässt. Ein derart halsbrecherisches Repertoire gleicht einem Balanceakt auf einem schmalen Grat, doch es ist exakt die immense handwerkliche Fallhöhe der Musiker, die ein Abrutschen in den reinen Klamauk verhindert. In ihrer hörbaren, fast schon diebischen Freude an der musikalischen Dekonstruktion erinnern sie in ihren stärksten Momenten an exzentrische US-Formationen wie Sparks oder den frühen Weird Al Yankovic – Künstler also, die ihr enormes musikalisches Können ganz bewusst und mit vollem Risiko in den Dienst der unerwarteten Pointe stellen.

Zuppelmusik – Foto: Ronny Lauer

Tief im Westen des Landkreises, umgeben von den Weinbergen der einzigen saarländischen Weinbaugemeinde Perl, vollzieht sich am selben Samstagabend eine musikalische Reduktion, die dem Wochenende endgültig die gewohnte Opulenz entzieht. Das Weingut Ollinger-Gelz liefert beim Saarländischen Weinsommer das geografische Fundament, das Duo „Akustik Akut“ den passenden radikalen Schnitt. Svenja Meyer und Knut Bausch werfen jeweils rund zwei Jahrzehnte an wertvoller Bühnenerfahrung in die Waagschale und widmen sich voll und ganz der Kunst, wuchtige Rock- und Popklassiker restlos zu entkernen, bis im Grunde nicht viel mehr übrig bleibt als eine tragende Stimme und die nackten Akkorde einer akustischen Gitarre. Dieser radikale musikalische Rückbau raubt den Stücken das schützende Netz eines massiven Band-Arrangements und zwingt sie unweigerlich in eine rohe, verletzliche Dynamik, die absolut keine handwerklichen Unsicherheiten verzeiht. Im Kern erleben die Zuhörer hier exakt jenen wirkungsvollen Mechanismus, der einst die puristischen MTV-Unplugged-Sessions der Neunzigerjahre oder die späten, wunderbar ungeschliffenen „American Recordings“ eines Johnny Cash kulturhistorisch so tief verankert hat. Dieser intime Gegenentwurf zur allgegenwärtigen Reizüberflutung lässt sich, umrahmt von kühlem Moselwein und Reben, als absolut treffsicherer Schlusspunkt eines hochsommerlichen Kulturwochenendes lesen.

Akustik Akut – Fotos: Martin Gabriel & Marc Schäfer

Die Termine im Überblick

Losheimer Kultursommer: Rockabilly Hellraisers

Donnerstag, 23. Juli 2026, 19:00 Uhr

Hochwälder Wohlfühlhotel, Losheim am See (Open Air)

Eintritt frei

Merziger Kultursommer: Zuppelmusik

Samstag, 25. Juli 2026, 20:00 Uhr

Altstadtbühne, Merzig

Eintritt frei

Saarländischer Weinsommer: Akustik Akut

Samstag, 25. Juli 2026, 20:00 Uhr

Weingut Ollinger-Gelz, Perl

Eintritt frei

Werbung

Exklusiv mit Jetzt+ lesen:

Bliesgau-Lammwochen 2026: 7 Spitzenrestaurants im Saarland und Lothringen setzen aufs Lamm aus der Region

Gleich sieben Restaurants zwischen dem Bliesgau und dem lothringischen Sarreguemines stellen in diesem Herbst wieder ein einziges Tier in den Mittelpunkt ihrer Speisekarte: das...

45 Jahre Grill au Bois: André Folschweiller über Steakkultur und Qualität ohne Kompromisse

In einer Welt, in der vieles nach Aufmerksamkeit schreit, bleibt André Folschweiller konsequent bei dem, was zählt: Geschmack, Herkunft, Qualität. Seit bald 45 Jahren...

Weltsehen statt Stillstand: Julia Johannsen über Perspektiven, Licht und Wandel auf der Leinwand

Blau zieht sich wie ein Gedanke durch ihre Werke. Blau, das Freiheit meint. Blau, das sich dem Licht hingibt und im nächsten Moment schon...

Der Chirurg, der mit dem Herzen sprach: Rüdiger Lange über Roboter-Weltpremiere, nützliche Angst und KI-Grenzen

Rund 15.000 Menschen hat Prof. Dr. med. Rüdiger Lange in seiner Laufbahn am Herzen operiert. Im Jahr 2000 gelang ihm als erstem Operateur weltweit...

Pflege ist Nahrung für die Haut: Kyra Nawrocki und ihre stille Revolte gegen die Beauty-Industrie

Kirkel im Saarland. Kurz vor Mitternacht. Während die Provinz tief schläft, brennt in den Arbeitsräumen von Kyra Nawrocki noch Licht. Es riecht nach feinsten...

Fitnesstrends – Marco Epp erklärt, warum das FORMWERK in Bexbach am Puls der Zeit ist

Seit 2016 mischt Marco Epp mit seinem FORMWERK die Fitnessszene im Saarland auf. In Bexbach, wo sich das klassische Fitnessstudio längst als angesagte Adresse...

Dominique Stork: Immobilien mit Herz, Verstand und einer Prise Zukunft

Von der Personalbranche in die Immobilienwelt – Dominique Stork hat einen beeindruckenden Karriereweg hinter sich. Mit SaarPfalz Immobilien in Homburg setzt sie auf ehrliche...

Last-Second-Wahnsinn im Handball-Topspiel: Marko Jelicic rettet der HG Saarlouis Unentschieden in Gelnhausen

Mächtig stolz auf seine Jungs war am Ende HGS-Cheftrainer Jörg Lützelberger, der nicht nur von einem gewonnenen Punkt, sondern auch von der bisher besten...

- Anzeige -