Zwischen Kittelschürze und Tatort-Akte liegt ein ganzes Schauspielerleben – daraus wird nun ein Comedy-Abend über das Altern, der weder leise noch bieder ausfällt.

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Von Stephan Bonaventura
Wer in den Neunzigern regelmäßig die ARD/SR einschaltete, kannte Hilde Becker und kam an ihr nicht vorbei. Die Kunstfigur aus Gerd Dudenhöffers bis heute gefeierten Kult-Satire „Familie Heinz Becker“ brachte von 1993 bis 1996 die duldsame, stets etwas überforderte Ehefrau ins deutsche Fernsehen – gutmütig, leicht zu überrumpeln, immer mit dem knappen „Och jo“ zur Hand, das ganze Sätze ersetzen konnte. Gespielt hat sie Alice Hoffmann, die im Saarland aus einer zweiten Rolle mindestens ebenso vertraut ist: als „Madame Maigret“, die einstige Kommissariats-Sekretärin im Tatort Saarbrücken. Nach dem Ende der Becker-Familie ging Hoffmann solo weiter, als „Vanessa Backes“ und unter dem Titel „Kittelschürze der Nation“. Zwei Fernsehfiguren, die beide nie das letzte Wort hatten. Jetzt steht die Frau dahinter selbst auf der Bühne, ganz ohne Drehbuch – und diesmal hat sie das letzte Wort.
Neben ihr steht Bettina Koch, die im echten Leben nicht weniger Bühnenerfahrung mitbringt als ihre Partnerin Fernseherfahrung. Sie gastiert am Staatstheater Saarbrücken und an Häusern wie Trier, den Festspielen Heppenheim oder der Neuen Bühne Darmstadt, war im Tatort „Hilflos“ und „Weihnachtsgeld“ zu sehen und außerdem in einem der Taunuskrimis. Ihr eingespieltes Zusammenspiel holen sich die beiden aus gemeinsamen Jahren im Musik-Theater-Kabarett „Sirene“. Daraus wurde über die Zeit ein festes Duo, das dem SWR mit „Die Ähn un das Anner – zwei ziemlich beste Freundinnen“ eine eigene Radiocomedy lieferte und mit gemeinsamen Sketchen in der TV-Comedy „Schreinerei Fleischmann“ auftrat. Auf der Bühne heißen sie seither einfach die Ähn, das hessisch babbelnde Energiebündel, und das Anner, das saarländische Pendant mit Kittelschürze und vermeintlicher Begriffsstutzigkeit, die sich im Lauf des Abends regelmäßig als gewiefter herausstellt, als sie zunächst tut.
Ihr aktuelles Programm heißt „In Würde albern“ und nimmt sich genau die Themen vor, an die sich die wenigsten Comedy-Abende herantrauen. Schampus am Abend oder Grießbrei mit Zimt und Zucker, Häkelclub oder ChatGPT, die Frage, ob man mit siebzig noch verliebt sein darf, und was die Rente wirklich aufbessert – bis hin zu der Idee, sich als „reife Frau“ auf einem Sexportal zu präsentieren. Bei einem früheren Auftritt des Programms stürmten die beiden unangekündigt von der Seite auf die Bühne und legten sofort los, mit dem Rat, ab siebzig könne man „in aller Ruhe weiterrauchen“ – Nichtraucher würden schließlich auch sterben, hieß es postwendend zurück. Dieser Ton, ungeniert und ohne falsche Rücksicht auf gutes Benehmen, zieht sich durch den ganzen Abend. Die Saarbrücker Zeitung hat den beiden einmal bescheinigt, dass bei ihnen „das Timing stimmt, die Pointen fliegen, die Spitzen sitzen“. Es ist ein Kompliment, das von Rheingau bis Perl in praktisch jeder Ankündigung ihrer Tour wieder auftaucht.

Für Alice Hoffmann ist der Auftritt zudem eine Art Wiedersehen mit der Reihe. Schon 2024 war sie im Rahmen der damals noch „Neunkircher Nächte Reloaded“ genannten Female Edition dabei, gemeinsam mit Helene Rauber alias „Jolanda Jochnachel“, unter dem Motto „Eins haben wir gemeinsam: wir sind geschieden!“. Die Reihe, die die Neunkircher Kulturgesellschaft gemeinsam mit der Sparkasse Neunkirchen veranstaltet, hat sich seither zu einem festen Format für unbequeme, weiblich erzählte Komik entwickelt. In diesem Jahr treten unter demselben Banner unter anderem Anna Depenbusch mit dem Kaiser Quartett auf, als Topact wird im September Vanessa Mai die Neue Gebläsehalle füllen – die Ähn und das Anner sind also in bester Gesellschaft, wenn auch mit deutlich weniger Glitzer. Entstanden ist das Format aus einer sehr konkreten Beobachtung. Auch die Musikbranche gilt nach wie vor als stark männlich geprägt – ein Umstand, den zuletzt vor allem Carolin Kebekus mit ihrer Kritik an rein männlich besetzten Festival-Lineups ins allgemeine Bewusstsein gerückt hat. Die Neunkircher Kulturgesellschaft und die Sparkasse Neunkirchen wollten mit der „Female Edition“ ein Gegengewicht schaffen, das selbst Bühne bereitstellt, statt nur zuzusehen – zwei Frauen, die sich öffentlich über ihr eigenes Altern lustig machen, passen gut in dieses Konzept.
Wohin es mit zwei Frauen führt, die sich im Alter nichts mehr verkneifen wollen, lässt das Programm bewusst offen. Zwischen einer Alten-WG am Strand von Miami, wie sie die „Golden Girls“ seit den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren im amerikanischen Fernsehen vorgemacht haben, und einem betont „innovativen“ Altenheim der Zukunft erscheint im Programm beides gleich plausibel. Der Vergleich hinkt vermutlich an der ein oder anderen Stelle, aber genau darin liegt die Pointe: Das eigene Altern lieber selbst überspitzt und mit Ansage zu erzählen, bevor es irgendjemand anderes für einen übernimmt.
Zur Einstimmung zitieren die beiden ein Gebet, das seit rund fünfhundert Jahren kursiert und der Ordensgründerin Teresa von Ávila zugeschrieben wird – ein Stoßgebet aus dem 16. Jahrhundert, das darum bittet, im Alter nicht geschwätzig, sondern klug zu werden, und das bis heute auf unzähligen Ratgeber- und Kirchenseiten zitiert wird. Zwischen diesem jahrhundertealten Text und der ganz konkreten Frage, ob nun der Häkelclub oder ChatGPT die bessere Beschäftigung fürs Alter ist, liegt genau der Zeitraum, den „In Würde albern“ an diesem Abend abdecken will.
Am Ende bleibt offen, wer hier eigentlich wen unterhält – das Publikum die beiden, oder die beiden sich zuerst selbst. Nach allem, was man über die Ähn und das Anner liest, dürfte Letzteres nicht die schlechtere Option sein.
Comedy: „Neunkircher Nächte – Female Edition“
Alice Hoffmann & Bettina Koch: „In Würde albern“
Sonntag, 30. August 2026, 20 Uhr
Neue Gebläsehalle Neunkirchen
Tickets ab 34 Euro bei allen Vorverkaufsstellen von Ticket Regional und CTS Eventim, unter der Tickethotline 0651 9790777 sowie online unter www.nk-kultur.de



