Was von ihnen blieb: #StolenMemory kommt auf den Schlossplatz. Die Wanderausstellung der Arolsen Archives macht erstmals im Saarland Station.
Ein Ehering, eine Uhr, ein Foto in einer Brieftasche – aus solchen Kleinigkeiten baut eine internationale Kampagne seit zehn Jahren ganze Biografien wieder auf. Ab dem 7. August steht ihr Ausstellungscontainer erstmals auf dem Saarbrücker Schlossplatz.
Wenn am 7. August ein umgebauter Überseecontainer auf dem Saarbrücker Schlossplatz aufklappt, zeigt er keine Kunstwerke und keine Superlative, sondern das Gegenteil: Eheringe, Uhren, Füllfederhalter, Brieftaschen mit Fotos. Gegenstände, die Häftlingen bei ihrer Ankunft in den Konzentrationslagern von den Nationalsozialisten abgenommen wurden und die bis heute in den Arolsen Archives lagern. Seit 2016 sucht die internationale Kampagne #StolenMemory nach den Angehörigen dieser Menschen – mehr als 1.000 Familien sind seither gefunden worden. Nun macht die Wanderausstellung erstmals im Saarland Station, gemeinsam mit dem Historischen Museum Saar, dem Netzwerk Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage Saarland, dem Bildungscampus Saarland und der Landeszentrale für politische Bildung. Bis zum 1. September erzählt der Container unter dem Titel „Gefunden“ von zehn Schicksalen NS-Verfolgter und der Rückkehr ihrer Erinnerungsstücke; Angehörige kommen per QR-Code in Videoportraits selbst zu Wort. Ein zweiter Bereich, „Gesucht“, zeigt Gegenstände, zu denen noch keine Familie gefunden wurde, und lädt dazu ein, sich an der Suche zu beteiligen.
Dass ausgerechnet der Schlossplatz die Ausstellung beherbergt, ist keine beliebige Standortwahl. Im Nordflügel des Schlosses richtete die Gestapo nach der Eingliederung des Saargebiets 1935 ihre Zentrale ein, in den Kellern darunter folterte sie politische Gegner. In der Pogromnacht 1938 trieb man die jüdische Bevölkerung der Stadt auf genau diesen Platz, zwei Jahre später begannen von hier die Deportationen. Seit 1993 erinnert daneben das „Unsichtbare Mahnmal“ von Jochen Gerz an das ausgelöschte jüdische Leben – mehr als 2.000 Pflastersteine tragen, verdeckt nach unten gekehrt, die Namen jüdischer Friedhöfe. Regionalverbandsdirektorin Dr. Carolin Lehberger, die zur Eröffnung am 8. August um 10 Uhr die Gäste begrüßt, spricht deshalb von einer besonderen Symbolkraft des Ortes: „Erinnerungsarbeit ist dabei weit mehr als ein Blick zurück: Sie schafft Bewusstsein, stärkt unsere demokratischen Werte und erinnert uns daran, dass Verantwortung niemals endet.“
Wer im Kino nach einer vergleichbaren Geschichte sucht, landet schnell bei „Die Frau in Gold“, in dem Helen Mirren jahrelang um ein von den Nationalsozialisten geraubtes Klimt-Gemälde kämpft. #StolenMemory erzählt die leisere Version derselben Geschichte: Statt eines einzelnen, millionenschweren Meisterwerks stehen hier die Habseligkeiten gewöhnlicher Menschen im Mittelpunkt. Gerade darin liegt die Wucht der Ausstellung – jedes Objekt steht für ein Leben, das ausgelöscht werden sollte, und für eine Familie, die bis heute nichts von seiner Existenz weiß.
Vor Ort übernimmt das Historische Museum Saar die Gastgeberrolle und öffnet die Ausstellung mit seinen Partnern gezielt für Schulklassen, Jugendgruppen und Multiplikatorinnen. Wer die zehn Container-Geschichten gesehen hat, blickt danach nicht mehr auf abstrakte Opferzahlen, sondern auf einen Ehering mit einem Namen darin.
Ausstellung #StolenMemory
Ort: Schlossplatz vor dem Historischen Museum Saar, Schlossplatz 15, 66119 Saarbrücken
Ausstellungsdauer: 7. August – 1. September 2026
Offizielle Eröffnung: 8. August 2026, 10.00 Uhr
Öffnungszeiten: Mo 9–15 Uhr, Mi 10–20 Uhr, Di/Do/Fr/Sa/So 10–18 Uhr
Führungen und Workshops: Laura Throckmorton, laura.throckmorton@hismus.de, 0681-5064502
Mehr Infos: stolenmemory.org



