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Prof. Adrian Müller über den rasanten Fortschritt der KI und warum Deutschland den Anschluss nicht verpassen darf 

Von Daniel von Hofen

Was macht eine Maschine eigentlich „intelligent“? Diese Frage beschäftigt nicht nur Fachleute, sondern auch immer mehr Menschen, die im Alltag mit Systemen wie ChatGPT, Alexa oder automatisierten Service-Hotlines in Berührung kommen. Doch hinter der Faszination für sprechende Roboter und textgenerierende Programme steckt ein Forschungsfeld, das sich rasant entwickelt – und viele Menschen verunsichert. Zeit also, genauer hinzusehen. Einer, der sich damit auskennt, ist Prof. Adrian Müller von der Hochschule Kaiserslautern. Gemeinsam mit seinem Team forscht er zu künstlicher Intelligenz (KI) und Robotik – und weiß aus erster Hand, wie rasant der Fortschritt ist, aber auch, wie oft dabei falsche Erwartungen und unbegründete Ängste aufeinandertreffen.

Die einfachste Erklärung, sagt Müller, sei oft die beste: „Künstliche Intelligenz soll helfen – wie ein Akkuschrauber mit Drehmomentbegrenzer. Nur eben auf kognitiver Ebene.“ Das Ziel sei nicht, den Menschen zu ersetzen, sondern ihm Routinen abzunehmen und Fehler zu vermeiden. Zwar gebe es verschiedene Definitionen – von der Nachbildung menschlichen Denkens bis zur Turing-Test-basierten Illusion von Intelligenz –, doch alle eint das Ziel, komplexe Prozesse maschinell zu erfassen und umzusetzen. Der Informatikprofessor plädiert für eine pragmatische Sichtweise: „KI kann viel, aber sie ersetzt keine Kreativität.“ Trotzdem kursieren nach wie vor zahlreiche Mythen. KI werde den Menschen überflüssig machen, heißt es da, oder sie werde irgendwann selbständig die Kontrolle übernehmen. Aus Sicht des Wissenschaftlers sind das Märchen – gefährlich allenfalls, wenn sie verhindern, dass man sich ernsthaft mit den echten Herausforderungen auseinandersetzt.

Die Reise der künstlichen Intelligenz begann schon viel früher, als viele denken. Bereits in den 1960er Jahren entwickelte Joseph Weizenbaum den ersten Chatbot „Eliza“, der mit einfachen Mustern Gespräche simulierte – damals in der Programmiersprache LISP. Müller erinnert sich an die Faszination: „Seine Sekretärin hat sich mit dem Programm über ihre Eheprobleme unterhalten. Das war ein Aha-Erlebnis.“ Danach folgten die regelbasierten Expertensysteme der 1980er, die zum Beispiel bei medizinischen Diagnosen halfen. Doch bald darauf flaute die Begeisterung wieder ab – der sogenannte „KI-Winter“ der 1990er Jahre war vor allem von enttäuschten Erwartungen geprägt. 

Und heute? Heute sind es die sogenannten „Large Language Models“ – wie ChatGPT –, die weltweit für Aufsehen sorgen. Sie erzeugen Texte, die täuschend menschlich wirken. Doch sie funktionieren ganz anders als der Mensch. „Die Systeme bilden keine Gedanken ab, sondern errechnen aus gewaltigen Datenmengen die wahrscheinlichste Wortfolge“, erklärt Müller. Er sieht hier eine neue Dimension: „Die Multimodalität dieser Modelle, also ihre Fähigkeit, Text, Bilder, Ton und sogar Videos zu verarbeiten, ist ein echter Gamechanger.“ Diese Multimodalität sei ein riesiger Fortschritt – und eröffne Anwendungen, die noch vor wenigen Jahren unvorstellbar schienen.

Ein Beispiel? In einem internationalen Forschungsprojekt arbeiteten fünf Robotiklabore daran, Sprachmodelle mit Bilddaten zu verbinden. Das Ergebnis: ein System, das erkennen kann, ob ein Apfel auf einem Teller liegt – und dann eigenständig eine einfache Handlungsanweisung ausführt. Statt zwei Stunden mühsamer Programmierung reicht ein Satz wie „Stell den Apfel auf den Teller“. Für Müller steht fest: „Wenn der deutsche Mittelstand solche Technologien nicht nutzt, ist er selber schuld.“ Aber Forschung ist nicht gleich Fortschritt. Doch genau da liegt das Problem. Denn während anderswo Milliarden in die KI-Entwicklung fließen, hängt Deutschland hinterher. Nicht, weil es an Know-how fehlt – sondern an Strukturen, Finanzierung und politischem Mut. Gerade in Deutschland beobachtet Müller eine gewisse Trägheit.

Der Frust über bürokratische Hürden und fehlende Innovationskultur ist deutlich spürbar. Zwar gebe es in Deutschland durchaus große Unternehmen mit eigenen Forschungsabteilungen – SAP, Bosch oder Mercedes etwa – doch die wirklich bahnbrechenden Entwicklungen kommen oft aus dem Ausland. „Wir haben eine hochentwickelte Industrie, sind führend im Maschinenbau, aber KI ist eine andere Liga“, sagt er. Ein Grund: Während man hierzulande monatelang über Datenschutz und Zuständigkeiten diskutiert, sind andere längst im Markt. „Wir brauchen dringend mehr Klarheit, mehr Tempo – und vor allem mehr Mut“, fordert Müller. Auch die Debatte um Regulierung und Ethik spielt eine Rolle. Niemand wolle Wildwuchs. Aber die Angst, etwas falsch zu machen, lähmt.

Ein besonders anschauliches Beispiel für angewandte KI ist der RoboCup – ein internationaler Wettbewerb im Roboterfußball, an dem sich auch die Hochschule Kaiserslautern beteiligt. Was auf den ersten Blick verspielt wirkt, ist in Wahrheit ein hochkomplexes Forschungsprojekt. Die humanoiden Roboter, ursprünglich für den Einsatz in Kindergärten entwickelt, verfügen über weit weniger Rechenleistung als ein durchschnittliches Smartphone – und müssen dennoch in Echtzeit Entscheidungen treffen, Mitspieler und Gegner erkennen, den Ball verfolgen, sich bewegen und mit dem Team kommunizieren. „Robotik ist KI auf Steroiden“, sagt Professor Müller, der das Projekt betreut. Die technische Herausforderung ist enorm. Mehrere Programme laufen gleichzeitig: Bilderkennung, Bewegungssteuerung, Entscheidungslogik – alles muss zusammenspielen. Doch der Teufel steckt im Detail. „Man glaubt gar nicht, wie viele Dinge schiefgehen können, bis man es selbst erlebt hat“, so Müller. Mal fällt das Licht ungünstig, mal verwechseln die Sensoren ein Schienbein mit dem Ball. Bei der Deutschen Meisterschaft 2023 verlor das Zweibrücker Team im Elfmeterschießen gegen Dortmund – nicht wegen eines technischen Defekts, sondern weil der Torwart sich regelkonform verhielt und dachte, er müsse erst ins Tor einlaufen, bevor er den Ball abwehren darf.

Foto: RoboCup Germany / Frank Erpinar

Trotz oder gerade wegen solcher Stolpersteine ist der Lerneffekt für die Studierenden immens. Sie entwickeln nicht nur technische Fähigkeiten, sondern lernen auch, mit Rückschlägen umzugehen, im Team zu arbeiten und kreative Lösungen zu finden. „Hier erleben sie hautnah, wie sich Theorie und Praxis manchmal reiben – und wie man trotzdem weiterkommt“, sagt Müller.

Die Hochschule Kaiserslautern nutzt das Projekt deshalb nicht nur als Forschungsfeld, sondern auch als Lehrmittel. Studierende arbeiten an konkreten Fragestellungen, entwickeln eigene Strategien, optimieren Laufwege oder Reaktionsmuster – und bekommen dafür unmittelbares Feedback. Die Erfolge sprechen für sich: Das Team wurde bereits Vizeweltmeister – nur geschlagen von einer texanischen Universität mit größerem Etat und mehr Rechenpower.

Im Wettbewerb selbst kommen unterschiedliche KI-Strategien zum Einsatz. Während einige Teams auf fest programmierte Entscheidungsregeln setzen, arbeiten andere mit lernenden Systemen, bei denen menschliches Feedback in die Algorithmen einfließt. Müllers Ansatz kombiniert beide Ansätze: „Wir versuchen, erklärbare KI zu nutzen. Wenn der Roboter etwas tut, sollen wir nachvollziehen können, warum.“ Die Erkenntnisse aus dem RoboCup sind übertragbar – nicht nur auf andere Forschungsbereiche, sondern auch auf konkrete Anwendungen im Alltag. Denn genau die Probleme, mit denen sich die Fußballroboter herumschlagen, begegnen auch autonomen Fahrzeugen, Drohnen oder Industrieanlagen: unklare Lichtverhältnisse, fehlerhafte Sensorik, neue Regeln, schwankende Netzwerke. Deshalb ist für Müller klar: „Wer hier bestehen will, lernt weit mehr als nur Coden.“

Natürlich geht es dabei auch um Verantwortung. Wer mit KI arbeitet – ob in der Forschung, im Büro oder in der Industrie – muss verstehen, was er tut. An der Hochschule gibt es klare Regeln: Der Einsatz von Tools wie ChatGPT ist erlaubt, aber nur, wenn transparent gemacht wird, wie sie genutzt wurden. Studierende sollen lernen, mit den neuen Möglichkeiten sinnvoll umzugehen – und sich nicht blind auf Technik zu verlassen. Müller betont: „Wer mit KI arbeitet, muss verstehen, was er da tut. Das beginnt beim Prompt und endet bei der ethischen Verantwortung.“ Wer ein Tool verwendet, muss also erklären können, wie es funktioniert. Wer Code einreicht, muss ihn verstanden haben. Und wer gute Ergebnisse erzielen will, muss wissen, dass KI ein Werkzeug ist – kein Ersatz für Denken.

Bleibt die Frage: Wo geht die Reise hin? Müller ist überzeugt: Das Potenzial ist riesig, aber es braucht kluge Entscheidungen. Der RoboCup zeige beispielhaft, wie wichtig es ist, Forschung und Praxis zu verbinden. Und auch die Hochschule selbst befindet sich im Wandel: Mit neuem Namen, erweitertem Promotionsrecht und verstärkter Ausrichtung auf Digitalisierung sollen die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Einfach wird das nicht. Aber notwendig. Denn eines ist sicher: Die künstliche Intelligenz ist gekommen, um zu bleiben: “KI kann eine Hilfe sein. Aber wir müssen lernen, sie klug, verantwortungsvoll und menschlich einzusetzen.“

Trotz aller Risiken blickt Müller optimistisch in die Zukunft. Denn auch wenn automatisierte Systeme an Börsen Kettenreaktionen auslösen oder Algorithmen bei Kreditvergabe, Stellenbesetzung oder medizinischer Priorisierung zu Verzerrungen führen können – die Chancen überwiegen. Entscheidend sei der bewusste und verantwortungsvolle Einsatz, gerade in sensiblen Bereichen wie Pflege, Medizin oder Sozialarbeit. „Produktivitätsgewinne sind sinnvoll – aber nicht auf Kosten der menschlichen Zuwendung“, betont Müller. Entscheidungen dürften nicht blind der Maschine überlassen werden, sondern müssten für Menschen nachvollziehbar bleiben.

„Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir KI einsetzen – sondern wie.“ Damit sie ihr volles Potenzial entfalten kann, sei auch die Politik gefragt: „Unsere Gesetzgebung hinkt den technischen Entwicklungen hinterher. Wir brauchen klare Regeln – vor allem dort, wo KI Entscheidungen trifft oder mit sensiblen Daten arbeitet.“ Gelingt dieses Zusammenspiel aus technologischem Fortschritt, Ethik und gesellschaftlicher Verantwortung, so Müller, kann KI unser Leben nicht nur verändern – sondern spürbar verbessern. Ob wir nun also bald unseren Kaffee von einem Roboter serviert bekommen? Vielleicht. Aber entscheidend ist, wer ihm sagt, wie viel Zucker rein soll.

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