Wir leben in einer Ära der totalen Sichtbarkeit. Zwischen gnadenlosen Zoom-Calls und weichgezeichneten Filtern ist das Gesicht zur oft gnadenlos analysierten Arena geworden – ständig bewertet, optimiert und verglichen. Doch wo bleibt das echte „Ich“ in all der Perfektion? Senubia Alloussi-Improta betreibt in Homburg eine Praxis für Ästhetische Medizin, doch wer sie als klassische „Beauty-Ärztin“ abstempelt, greift zu kurz. Sie versteht sich als Übersetzerin zwischen digitalen Träumen und biologischer Realität. In einer Branche, die oft als oberflächlich missverstanden wird, plädiert sie für radikale Ehrlichkeit und medizinische Tiefe. In diesem Interview räumt sie mit gefährlichem Halbwissen auf: Warum wirken manche Gesichter wie Masken, während andere nach „drei Wochen Urlaub“ aussehen? Warum ist unsere Anatomie eine hochkomplexe Landkarte, auf der ein einziger Millimeter über Wohlbefinden oder Komplikation entscheiden kann? Und weshalb ist ein ehrliches „Nein“ der Ärztin manchmal wertvoller als jede Injektion? Von der regenerativen Kraft der Lachs-DNA über den energetischen „Boxenstopp“ im Drip Spa bis hin zum neuen Selbstbewusstsein saarländischer Männer: Ein Gespräch über Ethik, über Handwerk und über das wunderbare Gefühl, endlich wieder gerne in den Spiegel zu schauen.
Frau Alloussi-Improta, wenn Patienten zu Ihnen kommen, bringen sie oft Bilder von Social Media mit. Wie definieren Sie in diesem Spannungsfeld Ihre Rolle: Sind Sie die „Reparaturwerkstatt“ für digitale Träume oder diejenige, die ihre Patienten zurück in die Realität holt?
Weder noch oder vielleicht bin ich beides, je nachdem. Ich sehe mich eher als jemanden, der einen Perspektivwechsel anbietet. Viele Menschen kommen mit einer Vorstellung im Kopf, die wie ein Bild im Internet oft digital gefiltert, bearbeitet oder einfach unrealistisch ist. Meine Aufgabe sehe ich eher darin, gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten herauszufinden, was davon ihr Wunsch ist und was eine übernommene Vorstellung ist? Was passt zu ihnen, was ist echt? Ein Aushandeln zwischen Bedarf und Bedürfnis. Manchmal bedeutet das, jemanden sanft in die Realität zurückzuholen. Aber nicht im Sinne von „Das geht nicht“, sondern eher: „Lassen Sie uns gemeinsam herausfinden, was wir tun müssen, damit Sie sich frischer und besser fühlen und Sie dabei Sie selbst bleiben.“ Einfach mehr Wohlbefinden zaubern. Ich repariere keine Träume, ich helfe dabei, sie zu übersetzen, in etwas, das anatomisch sinnvoll, ästhetisch stimmig und langfristig tragbar ist.
Wenn Sie von diesem „Übersetzen“ sprechen, geht es oft um das Streben nach makelloser Glätte. Haben wir als Gesellschaft dabei den Blick dafür verloren, dass gerade die vermeintlichen Makel, wie ein paar Lachfalten, eigentlich Sympathie vermitteln?
Ja. Wir leben in einer Zeit, in der „glatt“ mit „jung“ und „jung“ mit „erstrebenswert“ gleichgesetzt wird. Dabei vergessen wir, dass Gesichter durch Bewegung und Mimik lebendig werden. Wenn ein Gesicht zu glatt ist, fehlt oft die Wärme, die Ausstrahlung, das Menschliche. Ein Gesicht ohne Regung wirkt maskenhaft; die Geschichte dahinter fehlt. Lachfalten zeigen doch, dass jemand gelacht, geliebt und gelebt hat. Das ist sympathisch, echt und macht uns zugänglich. Das Problem ist, dass Social Media keine Echtheit belohnt. Algorithmen belohnen Perfektion und Symmetrie, was unsere Wahrnehmung massiv verschiebt. Die Kunst ist es, das Gesicht nicht zu „löschen“, sondern die Individualität zu pflegen. Ein bisschen Falte darf bleiben.

Dieser geschulte Blick für Individualität begleitet Sie sicher auch im Alltag. Man sagt, Architekten betrachten Gebäude anders als Passanten. Geht es Ihnen ähnlich – betrachten Sie Gesichter als „Baustellen“ oder als Kunstwerke, wenn Sie durch die Straßen laufen?
Ehrlich gesagt, weder noch. Im Alltag schalte ich bewusst ab. Ich möchte Menschen sehen, keine „Fälle“. Aber natürlich schult der Beruf den Blick. Ich erkenne schnell, ob jemand behandelt wurde. Was mich nachdenklich macht, sind Gesichter, die „überfüllt“ wirken – zu viel Filler, zu viel Volumen an den falschen Stellen, ohne Rücksicht auf die Proportionen. Das Gesicht ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel. Wenn Mimik und Ausdruck nicht mehr zur Persönlichkeit passen, kommt es sprichwörtlich zu Missverständnissen in der Wahrnehmung. Ein Gesicht ist kein Kunstwerk, das man beliebig modelliert, sondern eine Identität, die man respektieren muss.
Sie erwähnten gerade, dass Mimik und Persönlichkeit zusammenpassen müssen. Oft ist dieser Blick auf das eigene Gesicht aber verzerrt – besonders durch die „Bildschirm-Lüge“ in Zoom-Calls oder auf Selfies. Ist der Blick der Menschen dadurch kritischer geworden?


