Wer in diesen Tagen die Marienstraße in Neunkirchen entlangläuft, spürt noch immer das Echo der Industriegeschichte. Wo früher Eisen und Kohle den Takt vorgaben, steht heute das KULT. Ein Ort, der seine Vergangenheit nicht leugnet, sie aber mit sieben Meter hohen, lichtdurchfluteten Räumen in die Gegenwart übersetzt. Tritt man aktuell in den Hauptraum der Städtischen Galerie, verändert sich die Atmosphäre schlagartig. Das Grau der Stadt draußen weicht einer fast physisch spürbaren Farbgewalt.
Die Künstlerin, die diese Metamorphose verantwortet, ist Mahbuba Elham Maqsoodi. Unter dem Titel „glaubhaft“ präsentiert sie eine Werkschau, die weit über eine bloße Bilderschau hinausgeht. Es ist eine Begegnung mit einer Frau, die das Licht nicht nur einfängt, sondern es bricht, schichtet und ihm eine vollkommen neue, oft spirituelle Tiefe verleiht. Wer Maqsoodi in Neunkirchen begegnet, begegnet einer Künstlerin, die den Mut hat, in einer lauten Welt leise Fragen nach Identität und Zugehörigkeit zu stellen – und das mit einer visuellen Wucht, die einen förmlich gegen die Wand drückt.
Die Geometrie der Flucht und die Stille von Herat
Um die Arbeiten von Mahbuba Maqsoodi zu verstehen, muss man ihre Reise kennen, die 1957 in Herat, Afghanistan, begann. Dort lernte sie die Kunst der persischen Miniaturmalerei – eine Schule der extremen Konzentration, in der jeder Millimeter zählt. Doch das Leben schrieb ein anderes Drehbuch. Es folgte die Flucht, das Studium an der staatlichen Stieglitz-Akademie in Sankt Petersburg und schließlich, seit 1994, das Leben und Arbeiten in München.

In den Räumen der Galerie spürt man diese verschiedenen Schichten ihrer Biografie. In ihren großformatigen Papierarbeiten wie „Zeitgeist“ (2024) sieht man keine filigranen Miniaturen mehr, sondern einen befreiten, fast schon resoluten Pinselstrich. Hier wird die Farbe in dichten, vibrierenden Lagen aufgetragen. Figuren schälen sich aus abstrakten Formen heraus, wirken fragil und doch unzerstörbar. Maqsoodi verarbeitet den Aufbruch und die Suche nach dem Gemeinsamen im Unterschiedlichen. Ihre Kunst ist ein Plädoyer für den Menschen an sich, losgelöst von Herkunft oder Religion.
Das Herz von Tholey in der Hüttenstadt
Für uns in der Großregion ist der Name Maqsoodi unweigerlich mit einem kunsthistorischen Paukenschlag verbunden. Als die Benediktinerabtei St. Mauritius in Tholey vor einigen Jahren verkündete, dass Gerhard Richter drei Fenster gestalten würde, schaute die Weltöffentlichkeit ins Saarland. Doch wer heute in das gotische Kirchenschiff blickt, erkennt schnell: Richter lieferte das Spektakel, doch Mahbuba Maqsoodi lieferte die Seele. Sie gestaltete die restlichen 32 Fenster des Zyklus (vollendet 2021).


