Vierzehn internationale Künstlerinnen und Künstler aus einem Bremer Promotionsprogramm bringen im Juni eine Ausstellung in die Galerie der HBKsaar — und mit ihr eine Idee, die älter ist als die Kunst selbst.
Stellen Sie sich vor, jemand reicht Ihnen einen Zettel mit der Anweisung: „Geh einen langen Weg entlang einer Hochspannungsleitung.“ Das ist kein Rätsel, keine Provokation, kein Künstlerwitz. Das ist ein Score. Und ab dem 3. Juni ist genau das einer der Ausgangspunkte für eine Ausstellung in der Galerie der HBKsaar, die unter dem Titel „Scores of Scores (Unfolding)“ Arbeiten aus einem internationalen Bremer Promotionsprogramm nach Saarbrücken bringt.
Was ist ein Score überhaupt?
Der Begriff kommt aus der Musik. Eine Partitur — englisch: score — ist die Notation eines Stücks: was gespielt wird, wie, in welcher Reihenfolge. Aber Mitte des 20. Jahrhunderts begannen Künstlerinnen und Künstler, diesen Begriff zu lösen und auf alles Mögliche anzuwenden. Yoko Ono veröffentlichte 1964 ihr Buch „Grapefruit“ — eine Sammlung kurzer Anweisungen, die man lesen, vorstellen oder ausführen kann: „Tritt ein Loch in den Himmel.“ Kein fertiges Kunstwerk, sondern ein Startpunkt für eines, das im Kopf der Leserin oder des Lesers erst entsteht. Brian Eno und Peter Schmidt entwickelten Mitte der 1970er-Jahre die „Oblique Strategies“ — Karten mit schrägen Studio-Anweisungen für kreative Blockaden: „Verwende eine alte Idee“, „Lass die Fehler drin.“ Musiker wie David Bowie nutzten sie bei Aufnahmen. Ein Score als Werkzeug, das nicht vorgibt, was rauskommt.
So gesehen ist ein Rezept ein Score. Eine Choreografie. Eine Spielregel. Ein Tanz-Tutorial auf TikTok. Der Score ist eines der ältesten Prinzipien menschlicher Kulturübertragung: eine Idee so notieren, dass andere sie weiterführen können.

Aus aller Welt nach Saarbrücken
Genau hier setzt die Ausstellung in der HBKsaar an. Die vierzehn beteiligten Künstlerinnen und Künstler aus dem Binational Artistic PhD-Programm der Hochschule für Künste Bremen — Franzi Bauer, Sophie Blet, Carolin Melia Sabine Brendel, Monika Gabriela Dorniak, Yannic Heintzen, Mar Lamberg, Icaro Lopez de Mesa Moyana, Henrik Nieratscher, Marcela Antipan Olate, Dawoon Park, Victor Artiga Rodriguez, María Sabato, Yuyen Lin Woywood und Luiz Zanotello — verstehen den Score nicht als Abschluss, sondern als Anfang. Eine Arbeit ist nicht fertig, wenn sie fertig ist; sie beginnt sich erst zu entfalten, wenn andere damit in Berührung kommen, sie weiterführen, sie in einen neuen Kontext versetzen. Das englische „Unfolding“ im Titel meint genau das: ein Aufklappen, das nie ganz abgeschlossen ist.
Allein die Herkunft der Beteiligten ist eine Aussage — Dawoon Park, Icaro Lopez de Mesa Moyana, Marcela Antipan Olate, Yuyen Lin Woywood: das ist keine regionale Kunstschau, sondern ein bewusst globales Gefüge, das in Saarbrücken landet. Kuratiert wird die Ausstellung von Prof. Dr. Andrea Sick und Prof. Dr. Mona Schieren.

Vom Ludwigsplatz aus lesbar
Die Bandbreite der Arbeiten zeigt, wie weit sich der Score-Begriff spannen lässt. Da ist der Powerwalk entlang von Hochspannungsleitungen — eine Anweisung, die aus der Galerie in die Landschaft führt. Da sind Instruktionen auf dem großen Videoscreen der Galerie, die auch vom Ludwigsplatz aus lesbar sind und so den Stadtraum selbst zur Bühne machen. Da sind Audiowalks, Soundstationen und Kunstmaschinen, installative Arbeiten, bei denen das Publikum nicht distanzierter Betrachter bleibt. Und da sind Arbeiten, die tief in gesellschaftliche Fragen gehen: Tiefsee-Extraktion, Gold in elektronischen Produkten — Scores, die nicht spielerisch, sondern kritisch gemeint sind.
Ein Heft, das kein Katalog ist — und ein Buch, das forscht
Begleitet wird die Ausstellung von einem Heft, das alle Scores versammelt. Aber auch das Heft ist selbst ein Score: kein dokumentierender Abschluss, sondern eine Einladung zur weiteren Nutzung, Re-Aktivierung und Übersetzung.
Am 3. Juni findet im Foyer der HBKsaar die Buchvorstellung „Kunsten/Arting“ statt, erschienen beim transcript Verlag, herausgegeben von Anke Haarmann und Elke Bippus. Kein klassisches Podium, sondern zehn kleine Lesungen, Hörstücke und Briefe, mit denen Beitragende Einblicke in eine Publikation geben, die künstlerisches Arbeiten als tastenden, offenen Prozess begreift. Mitbringen darf man das eigene Glas.
Verantwortlich für die Ausstellung auf Saarbrücker Seite ist Prof. Katharina Hinsberg — die im November selbst in die Gegenrichtung schaut: Dann zeigt das Bremer Ausstellungsschiff „Dauerwelle“ Positionen ihrer Konzeptionellen Malerei-Klasse an der HBKsaar. Ein Austausch, der in beiden Städten Spuren hinterlässt — und vielleicht selbst so etwas wie ein Score ist.
Eröffnung: 2. Juni 2026, 19.30 Uhr · Ausstellung: 3.–20. Juni 2026 · Galerie der HBKsaar, Keplerstraße 3-5, 66117 Saarbrücken · Öffnungszeiten: Di 14–18 Uhr, Mi–Sa 17–20 Uhr · Buchvorstellung „Kunsten/Arting“: 3. Juni, 19 Uhr, Foyer der HBKsaar · galerie.hbksaar.de




