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Ästhetik der Durchleuchtung: Wie das Völklinger Weltkulturerbe die Grenzen der Wahrnehmung sprengt

Noch bis in den späten Sommer dieses Jahres blickt die Kunstwelt gebannt in das Saarland. In den gewaltigen Räumen der Gebläse- und Verdichterhalle des Weltkulturerbes Völklinger Hütte manifestiert sich derzeit eine Ausstellung, die das Paradigma des Sehens selbst zum Gegenstand hat. Unter dem Titel „X-RAY. Die Macht des Röntgenblicks“ entfaltet sich auf 6000 Quadratmetern ein radikaler Diskurs über jene Strahlen, die vor gut 130 Jahren das Innere der Welt nach außen kehrten. Es ist die weltweit erste umfassende Schau, die nicht primär die medizinische Sensation feiert, sondern die tiefgreifenden kulturellen, politischen und künstlerischen Erschütterungen dieses Phänomens seziert.

X-RAY, Ausstellungsansicht – Bild: © Hans-Georg Merkel / Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Der gläserne Mensch als Symptom der Moderne

Wilhelm Conrad Röntgen verzichtete nach seiner Entdeckung der X-Strahlen im Spätjahr 1895 auf ein Patent. Dieser frühe Akt des „Open Access“ löste ein globales Lauffeuer aus. In Labors rund um den Globus – von St. Petersburg über Calcutta bis Melbourne – wurde die Erzeugung der Strahlen umgehend repliziert. Die Ausstellung verdeutlicht meisterhaft, wie fließend der Übergang von der naturwissenschaftlichen Versuchsanordnung in die Ateliers, Kinos und Schreibstuben der Belle Époque verlief. Schon 1897 verschmolz G.A. Smith in seinem Kurzfilm „X-Rays“ spielerisch das noch junge Kino mit der neuen Strahlentechnologie.

Plötzlich war das Fleisch nicht mehr undurchdringlich; der Tod, das Skelett, das Verborgene lagen offen zutage. In 18 akribisch kuratierten Kapiteln zeichnet X-RAY diesen Siegeszug nach – von der frühen Faszination bei Thomas Mann oder Edvard Munch über die radiologischen Einsätze der Nobelpreisträgerin Marie Curie im Ersten Weltkrieg bis hin zu zeitgenössischen Mode-Entwürfen von Iris van Herpen. Kurator Dr. Ralf Beil fasst diese Omnipräsenz präzise in Worte: „Röntgenstrahlen durchdringen unsere Moderne und Gegenwart auf ganz besondere Art und Weise: Dank ihrer erfahren wir Medizin, Politik, Geschichte, Kunst und Natur, ja selbst Geschlechterrollen neu. Wir blicken buchstäblich auf sonst verborgene Tiefenschichten unser selbst und unserer Umwelt – von den Molekülen und Kodierungen unserer Körper bis hin zu den entferntesten Galaxien des Weltraums“. Tatsächlich spannt die Ausstellung den Bogen bis ins All, wo Röntgenteleskope wie eROSITA heute schwarze Löcher und dunkle Materie in den Galaxien erforschen.

Orthodiagraphie am Klinoskop, um 1907 – Bild: Quelle: Siemens Healthineers Historical Institute

Ikonen der Transparenz in der Industriekathedrale

Die rohe, auratische Industriearchitektur der Gebläsehalle bietet eine kongeniale Folie für die 79 versammelten Akteurinnen und Akteure aus 27 Ländern. Der Ort selbst ist historisch imprägniert: Die Völklinger Hütte wurde zu großen Teilen in der Ära der Röntgen-Entdeckung erbaut, nutzte Röntgengeräte zur Materialprüfung und führte ab den 1950er Jahren Röntgen-Reihenuntersuchungen zur Tuberkulose-Erkennung auf dem Werksgelände durch.

In dieser „Maschinenhalle der Moderne“ treten Kunstwerke in einen Dialog, der sich unter anderem in drei monumentalen Installationen verdichtet:

  • Wim Delvoye, Chapelle (2006): Der belgische Künstler bricht in einer begehbaren Kapelle aus Cortenstahl radikal mit Sehgewohnheiten. Die Bleiglasfenster zeigen keine Heiligenlegenden, sondern Röntgenaufnahmen von Eingeweiden, Knochen und sexuellen Handlungen. Das Sakrale kollidiert frontal mit dem Profanen, wodurch Narrative der Transzendenz kritisch hinterfragt werden.
  • Andreas Greiner, Monument for the 308 (2016): Ein 7,50 Meter hohes 3D-Druck-Skelett ragt wie ein prähistorischer Fund aus einem Schacht. Es handelt sich jedoch um das 20-fach vergrößerte CT-Bild eines industriell gemästeten Huhns, das an seinem eigenen Gewicht zugrunde ging. Ein stummer, wuchtiger Kommentar zur anthropozänen Manipulation der Natur.
  • Christoph Brech, ODEM (2025): Als dauerhaftes Memorial für die Völklinger Arbeiterinnen und Arbeiter hat Brech ein Rundbogenfenster geschaffen. Es besteht aus anonymisierten Thorax-Röntgenbildern der Belegschaft, gezeichnet von Staublungen und Karzinomen. Brechs Notiz dazu ist so lapidar wie poetisch: „Die Lunge ist die Gebläsehalle des Menschen.“.

Daneben warten Entdeckungen in den Tiefenschichten der Kunst und Kultur: Auf fünf Großleinwänden können Besucher mittels digitaler Lupe den Übermalungen bei Gemälden von Goya oder van Gogh auf den Grund gehen. Ein weiteres Highlight ist die sogenannte „Bone Music“ – Zeugnisse politischer Subversion aus den Staaten der Sowjetunion, wo verbotene westliche Musik kurzerhand auf ausgemusterte Röntgenbilder gepresst wurde.

Der gläserne Mensch – Foto: © Oliver Dietze / Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Die Ambivalenz des Apparats – Architektur und Biopolitik

X-RAY verweilt jedoch nicht in der reinen Faszination der Ästhetik, sondern leuchtet die dunklen Ränder der Technologie schonungslos aus. Die Diagnostik wurde bald zum Instrument der Macht und der Kategorisierung. Das Medium offenbarte nicht nur Krankheiten, es gebar neue gesellschaftliche Paradigmen.

Im Ausstellungskatalog, der durch den Verlag Sandstein Kultur publiziert wird, analysiert die Architekturhistorikerin Beatriz Colomina diese Wechselwirkung unmissverständlich: „Man kann die Architektur der Moderne nicht unabhängig von Tuberkulose und ihrem wesentlichen Diagnoseverfahren, der Radiografie betrachten. Tatsächlich scheinen die Prinzipien moderner Architektur direkt einer medizinischen Abhandlung über die Krankheit entnommen zu sein.“.

Noch schärfer formuliert der Anthropologe Shahram Khosravi die ordnungspolitische Dimension der Durchleuchtung: „Der medizinische Blick des Röntgenapparates funktioniert als biopolitisches Instrument, das Körper im Rahmen der Altersbestimmung von Asylsuchenden, des Visumantrags von Migrant:innen, der Kommerzialisierung von Frauen und der Kriminalisierung von Minenarbeitern reguliert und diszipliniert. Dient die Röntgentechnik einerseits der Rettung von Leben, ist sie andererseits Hilfsmittel von Kontrolle und Unterdrückung.“.

Die Struktur der Natur – Arie van ’t Riet, It’s All X-ray Scene 2, 2025, Detail
Arie van ’t Riet kreiert Röntgenstillleben von Tieren und Pflanzen und hat
hunderte von ihnen zu einem großen Panorama zusammengefügt. – Bild:
© Arie van ’t Riet

Die Ausstellung im Überblick

  • Titel: X-RAY. Die Macht des Röntgenblicks.
  • Ort: Gebläse- und Verdichterhalle, Weltkulturerbe Völklinger Hütte.
  • Laufzeit: 9. November 2025 bis 16. August 2026.
  • Kuration: Dr. Ralf Beil, Generaldirektor Weltkulturerbe Völklinger Hütte.
  • Dimensionen: 18 thematische Kapitel auf 6000 Quadratmetern Ausstellungsfläche.

Hier ist der gestraffte Infokasten, reduziert auf die wesentlichen Fakten und regulären Preise:


Publikation und Begleitprogramm zu X-RAY

Der Ausstellungskatalog: Die intellektuelle und visuelle Vertiefung der Ausstellung bietet das von Ralf Beil und Thomas Zaunschirm herausgegebene Katalogbuch „X-RAY“. Das zweisprachige Werk in deutscher und englischer Sprache erscheint im Dresdner Verlag Sandstein Kultur. Die Publikation ist ab dem 18. März 2026 erhältlich und kostet regulär 48 Euro vor Ort im Museumsshop sowie 58 Euro im allgemeinen Buchhandel.+2

Themenführungen und Workshops: Flankierend zur Ausstellung bietet das Weltkulturerbe Völklinger Hütte ein differenziertes Vermittlungsprogramm an. Dieses umfasst spezifische Führungen und Workshops für Kinder und Jugendliche zu den politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Dimensionen der Schau. Zu den Schwerpunkten zählen unter anderem die Formate „Macht und Gewalt des Röntgenblicks“ sowie „Durchleuchtet – Meinem Inneren auf der Spur“.

Tagesaktuelle Details zu den Rundgängen sowie weiterführende organisatorische Hinweise finden sich direkt auf voelklinger-huette.org.

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