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Mia Münster: Ausstellung in St. Wendel zeigt Modezeichnungen aus den Goldenen Zwanzigern

Das Museum St. Wendel trägt ihren Namen seit fast vierzig Jahren. Bekannt ist Mia Münster trotzdem kaum. Eine Sonderausstellung zeigt jetzt, für wen sie in Berlin gezeichnet hat – und wie weit diese Geschichte reicht.

Im Berlin der späten Zwanziger gab es Zeichentische, an denen man für die bekanntesten Magazine des Landes arbeitete. Einer davon gehörte einer Frau aus St. Wendel. Mia Münster zeichnete für „Die Dame“, für den „Ulk“, für den „Simplicissimus“ – Blätter, die damals wirklich jeder kannte. Blätter, die den Geschmack einer ganzen Epoche mitformten. Die Frauen in Münsters Zeichnungen tragen Bubikopf und Wasserwelle, Glockenhut und Federboa. Selbstbewusste Frauen in kurzen Kleidern und eleganten Abendroben, gezeichnet mit dem Strich einer Frau, die genau wusste, was sie da festhielt: eine Gesellschaft im Umbruch, berauscht von ihrer eigenen Modernität.

Heute hängen diese Zeichnungen in St. Wendel. Im Mia-Münster-Haus, das seit 1989 ihren Namen trägt und in dem man sie irgendwie trotzdem nur wenig kennt. Die aktuelle Sonderausstellung „Kunst & Kommerz – Mode im Zeitgeist von 1925–1935“ ist der erste ernsthafte Versuch, ihr Berliner Werk in den Zusammenhang zu stellen, in den es gehört.

Vom Büro des Bürgermeisters an die Reimann-Schule

Die Geschichte beginnt lange vor Berlin. Mia Münster, geboren am 1. April 1894 in St. Wendel als Maria Gertrude Helene Münster, Tochter eines Gaswerksdirektors, wollte Malerin werden – in einer Zeit, in der das für Frauen kein selbstverständlicher Weg war. 1912 zog sie nach Düsseldorf, besuchte eine private Kunstschule. Dann kam der Erste Weltkrieg, und damit das Ende des Studiums. Sie kehrte nach St. Wendel zurück, arbeitete als Bürogehilfin beim Stadtbürgermeisteramt.

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Nach dem Krieg ging es weiter: Halle, Studium an der Staatlichen Akademie für Graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig, dann München, Staatliche Kunstgewerbeschule. Frauen wurden an den Akademien jetzt aufgenommen – wenn auch zögerlich, und mit einer unausgesprochenen Erwartung: Das eigenständige Schaffen von Kunst blieb ihnen in den Augen vieler weiterhin abgesprochen. Die Gebrauchsgrafik dagegen stand offen. Münster nutzte das. Sie finanzierte ihr Studium selbst, unter anderem als Trickfilmzeichnerin beim Moewe-Filmverlag in München, der Trickfilmproduktionen erstellte.

Porträt der Malerin Mia Münster, 1941, Gouache, 65 x 50 cm, Privatbesitz – von Paul Nicolaus – Eigenes Werk – Originaltext: selbst fotografiert, CC BY-SA 3.0, Wikimedia

1924 folgte ein Lehrauftrag für textile Gestaltung an der neu gegründeten Kunstgewerbeschule in Saarbrücken. Ein Jahr später war sie in Berlin und schrieb sich an der Reimann-Schule in Berlin-Schöneberg ein – damals die größte private Kunstgewerbeschule Deutschlands, 1902 vom jüdischen Kunsthandwerker Albert Reimann gegründet, bekannt für Modezeichnen, Reklamegrafik, Schaufenstergestaltung. Dort saß, zeitgleich mit ihr, Dörte Clara Wolff, die unter dem Kürzel „Dodo“ eine der bekanntesten Grafikerinnen der Weimarer Republik werden sollte. An der Reimann-Schule wurden nicht nur Zeichenkurse gegeben – es wurden auch Bälle gefeiert. Clowns und Harlekins begannen Münsters Aquarellblock zu bevölkern.

Nach Berlin kam St. Wendel, nach St. Wendel wieder Berlin: Von 1928 bis 1932 lebte sie erneut in der Stadt, diesmal endgültig als freischaffende Grafikerin. Das war die Zeit, in der die wichtigsten erhaltenen Modezeichnungen entstanden.

Mia Münster, Hutsalon Ehlermann, Berlin, Reklame-Zeichnung, Aquarell/Bleistift, um 1928, © Privatbesitz

Was sie zeichnete – und was darin steckt

Die „Neue Frau“ war kein Modebegriff. Sie war ein gesellschaftliches Versprechen: Bildung, Erwerbsarbeit, Sichtbarkeit, das Ende des Korsetts. Dieses Versprechen fand seine visuelle Sprache in der angewandten Kunst – in Modezeitschriften, Reklameplakaten, Schaufensterdekorationen. Münster war Teil dieser Bildsprache. Ihre Zeichnungen für den „Simplicissimus“, eine der politisch schärfsten Zeitschriften des Landes, und für „Die Dame“, das vielleicht eleganteste Frauenmagazin der Epoche, zeigen, wie breit das Spektrum war, in dem sie arbeitete: von der Gesellschaftssatire bis zur Haute Couture.

Genau diese Verbindung macht die Sonderausstellung sichtbar. Dem Kurator Wolfgang Knapp, Kulturhistoriker aus Mannheim, ist es gelungen, Münsters Zeichnungen mit historischen Schaufensterfiguren aus seiner eigenen Sammlung zu konfrontieren – stumme Objekte, die dasselbe Körperideal verkörpern wie die gezeichneten Frauen. Die langen Hälse, die schmalen Schultern, der kühle Blick: Was Münster mit dem Stift festhielt, hatten Schaufensterdekorateure gleichzeitig in Gips und Pappmaché modelliert. Das Körperbild einer Epoche – nicht als Theorie, sondern als Gegenstand.

Links: Hutkopf Georgette, 1928, © KulturGut Mannheim, Sammlung Wolfgang Knapp Rechts: Mia Münster, Modezeichnung, um 1930, Aquarell/Bleistift, © Privatbesitz

Ergänzt wird die Ausstellung durch Modeaccessoires und Reklameobjekte aus Deutschland und Frankreich, Modezeitschriften, Kataloge und regionale Dokumente: Werbeanzeigen und Firmenpapiere, die zeigen, wie weit das Berliner Zeitgeistgefühl damals ins Saarland reichte.

Hutkopf Lydia mit Glockenhut, um 1930, Kunstwerkstätte Johann Gottwald, Wien (Kopf) und Frankreich (Hut) © KulturGut Mannheim, Sammlung Wolfgang Knapp, Foto: Michael Varelmann

1933 – und das Ende

Der Zeitgeist kippte. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten war Münsters Berliner Welt vorbei. Albert Reimann, der Gründer der Schule, wurde als Jude gezwungen, sein Institut zu verkaufen; nach der Reichspogromnacht emigrierte er nach London. Münsters Modegrafiken waren nicht mehr gefragt. Sie kehrte nach St. Wendel zurück – endgültig diesmal, in die Carl-Cetto-Straße 10 – und begann als freischaffende Künstlerin neu.

Stadtansichten von St. Wendel. Die Basilika, die verwinkelten Gassen, die Bürger und Arbeiter im Alltag. Artikel für die Saarbrücker Zeitung. Und dann, Anfang der 1940er Jahre, eine Aufgabe, die sie unter anderen Umständen nie angenommen hätte: Die Reichskulturkammer, der auch saarländische Künstler beizutreten hatten, beauftragte sie zusammen mit den Malern Fritz Grotemeyer und Fritz Zolnhofer damit, die ehemaligen Kriegsgebiete in den lothringischen Dörfern festzuhalten. Diese Dörfer waren menschenleer – die Einwohner 1939 evakuiert, die Gebäude sollten nach deutschem Vorbild neu aufgebaut werden. Münster malte die beschädigten Bauernhäuser und verlassenen Straßen, die malerischen Landschaften dazwischen. Aus diesen Reisen entstand der Zyklus „Lothringer Bilder“ – heute gilt er als Höhepunkt ihres Schaffens. Es sind Bilder im Auftrag der Reichskulturkammer, entstanden in Dörfern, aus denen die Menschen vertrieben worden waren. Das gehört zur Biografie dieser Künstlerin – und wird hier erstmals miterzählt.

Die Verschollene Generation

Nach dem Krieg malte Münster weiter – gegenständlich, figurativ, so wie sie es immer getan hatte. Im Kunstbetrieb der Nachkriegszeit war das eine Bürde. Abstraktion war en vogue, wer noch figürlich arbeitete, wurde in den Fachmedien kaum noch rezensiert. Münster gehört zu dem, was die Kunstgeschichte die „Verschollene Generation“ nennt: Künstlerinnen und Künstler, geboren zwischen etwa 1890 und 1910, die nicht vergessen wurden, weil ihr Werk verschwand – sondern weil der Betrieb um sie herum einfach woanders hinschaute. Dass sie sich davon nicht beirren ließ, zeigt ihr Spätwerk. Ab den 1960er Jahren entdeckte sie die Monotypie für sich – eine Drucktechnik, die ihr einen neuen, feinen und zunehmend abstrakteren Stil ermöglichte. Eine Künstlerin, die mit über sechzig noch einmal neu anfing.

Mia Münster starb 1970 in Quierschied. Sie war 76 Jahre alt und unverheiratet geblieben. Die Stadt St. Wendel hat ihr 1989 ein Haus gegeben – das Mia-Münster-Haus, errichtet auf Initiative des Kunstmäzens Dr. Walter Bruch, ehemaliger Inhaber der Globus SB-Warenhaus Holding – und einen Preis, mit dem bis heute Künstlerpersönlichkeiten aus der Region ausgezeichnet werden. Beides ist eine Form von Anerkennung. Was gefehlt hat, war der Blick auf die Arbeit, die sie zu einer Frau ihrer Zeit gemacht hat: die Modezeichnungen, die Berliner Jahre, die Magazine. Dieser Blick ist jetzt da, umfangreich und intensiv.

Zeichnungen, die jetzt einen Kontext bekommen

Die Sonderausstellung stellt Münsters Berliner Zeichnungen erstmals neben das, was gleichzeitig in den Schaufenstern hing: historische Mannequins aus der Sammlung des Mannheimer Kulturhistorikers Wolfgang Knapp, die dasselbe Körperideal verkörpern wie die Frauen auf ihren Blättern. Lange Hälse, schmale Schultern, dieser kühle, selbstbewusste Blick. Was dabei sichtbar wird, ist mehr als eine Stilübereinstimmung – es ist der Beweis, dass Münsters Arbeit kein lokales Heimatdokument war, sondern mitten in einer kulturellen Bewegung entstand, die das Bild der Frau in Deutschland neu verhandelte. Eine Frau aus St. Wendel, die für den „Simplicissimus“ zeichnete. Das muss man sich erst mal vorstellen.

Sie hat für Zeitschriften gezeichnet, die das ganze Land kannte, und ist in einer Stadt gestorben, die ihr ein Haus gebaut hat. Was dazwischen liegt, war lange nicht zu sehen. Jetzt schon.

Das Ausstellungsplakat „Kunst und Kommerz“

Was bis September noch passiert

Am Donnerstag, 21. Mai, führt Kurator Wolfgang Knapp selbst durch die Schau (18 Uhr) – mit Einblicken in die Entstehungsgeschichte der Ausstellung und Raum für Gespräche. Ende Mai gibt es einen Charleston-Kurs mit der Tanzschule Erbelding – keine Vorkenntnisse nötig, freiwilliger 20er-Jahre-Dresscode (30. Mai, 15–17 Uhr, 10 €/7 €, Anmeldung erforderlich). Am 10. Juni stellt Knapp sein Buch „Schaufensterfiguren 1850–1950. Modelle – Hersteller – Marken“ vor.

Im Juli folgen Familienführungen und Workshops für verschiedene Altersstufen – vom Styrenedruck für Sechs- bis Zehnjährige bis zum dreitägigen Comic-Workshop für Zwölf- bis Sechzehnjährige unter Leitung der Illustratorin Isabelle Jasten. Dazu: „Tanzen, Tee und Törtchen“ mit der Tanzschule Erbelding (18. Juli, 15–17 Uhr, 5 €). Am 22. September bringt der Frankfurter Musikkabarettist Jo van Nelsen seine Grammophon-Lesung „Bubikopf und Bleistift“: Texte von Autorinnen der Weimarer Republik, Musik direkt vom Originalgrammophon. Van Nelsen ist Schellackplatten-Sammler und Kabaretthistoriker – wer ihn noch nicht kennt, lernt an diesem Abend jemanden kennen, der Zeitgeschichte nicht erklärt, sondern spielt (15 €/10 €, Vorverkauf im Museum).

Im Museumsshop gibt es Publikationen zu Mia Münster, einen Bildband zu historischen Schaufensterfiguren und Postkarten. Accessoires im Stil der Zwanziger stehen zum Fotografieren bereit, für Kinder liegen Zeichenutensilien aus.

Auf einen Blick

Kunst & Kommerz – Mode im Zeitgeist von 1925–1935 Museum St. Wendel · Mia-Münster-Haus · Wilhelmstraße 11 · 66606 St. Wendel Bis 27. September 2026 · Eintritt frei

Do 21.05., 18 Uhr — Kuratorenführung mit Wolfgang Knapp Sa 30.05., 15–17 Uhr — Charleston-Kurs (10 €/7 €, Anmeldung erforderlich) Mi 03.06., 13 Uhr — Kurzführung in der Mittagspause Mi 10.06., 18 Uhr — Buchvorstellung „Schaufensterfiguren 1850–1950″ Sa 13.06., 14 Uhr — Familienspaziergang durch die 1920er (kostenlos, Anmeldung erforderlich) Do 16.07. / Fr 17.07. — Sommerferienworkshops für Kinder (ab 5 €, Anmeldung erforderlich) Sa 18.07., 15–17 Uhr — Tanzen, Tee und Törtchen (5 €, Anmeldung erforderlich) Mi–Fr 22.–24.07. — Comic-Workshop, Isabelle Jasten (12–16 J., 17 €, Anmeldung erforderlich) Sa 12.09., 19–22 Uhr — Abends im Museum (Moonlight Shopping) Di 22.09., 19 Uhr — Grammophon-Lesung mit Jo van Nelsen (15 €/10 €) So 27.09., 15 Uhr — Finissage mit Konzert

Öffnungszeiten: Di/Mi/Fr 10–16.30 Uhr | Do 10–18 Uhr | Sa 14–16.30 Uhr | So & Feiertage 14–18 Uhr museum-wnd.de

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