- Anzeige -

StartKulturIndie-Pop-Trio Good Looking Wilson - Vom Nauwieser Viertel auf...

Indie-Pop-Trio Good Looking Wilson – Vom Nauwieser Viertel auf die große Bühne

Irgendwo in Saarbrücken gibt es eine Katze, die nichts davon weiß, dass sie einer Band ihren Namen gegeben hat. Good Looking Wilson haben das nie ganz aufgeklärt.

Jetzt schon.

Jetzt. Magazin

Von Stephan Bonaventura

Das Tanzwiesen-Festival bei Stuttgart ist nicht unbedingt der Ort, an dem man eine Saarbrücker Indie-Band erwartet. Good Looking Wilson spielten dort vor 200, vielleicht 300 Menschen, die meisten kannten sie nicht – und trotzdem lief der Abend so, dass Joshua danach einen Urschrei absetzte, den die Band bis heute nicht vergessen hat. „Wir hatten echt das Gefühl, dass das, was wir gemacht haben, brutal angenommen wurde“, sagt Sänger und Gitarrist Joshua. Der Adrenalinschub musste irgendwo hin, also ließ er ihn raus – laut, unkontrolliert, unvermeidbar. Seitdem heißt dieser Moment in der Bandgeschichte „der Urschrei“, und Nils hat dazu nur eines zu sagen: Er liebe Joshua dafür.

Werbung

Die Sache mit »Wilson«

Jan erzählt die Geschichte des Bandnamens gerne und mit einem Lachen, sie beginnt mit einer Katze. Er und Joshua wohnten damals zusammen an der Rotenbergtreppe in Saarbrücken, am Rand des Nauwieser Viertels, und im Haus gab es diese eine Katze – immer im Flur, immer irgendwie da, aber niemand wusste so genau, wem sie eigentlich gehörte. Also brauchte das Tier einen Namen, und der kam an einem Filmabend: Cast Away mit Tom Hanks flimmerte über den Bildschirm, ein Film, in dem ein Volleyball namens Wilson zur wichtigsten Figur wird. Was folgt: Die Katze wurde zu Wilson, und weil sie gut aussah, wurde aus Wilson schließlich „Good Looking Wilson“.  Den Namen ergänzten sie von Anfang an um einen Zusatz, der auf ihrer Website und in ihrer Bio steht und der eigentlich schon alles über die Band sagt: „Don‘t be deceived, the band is not good looking.“ Es geht, stellt Jan klar, explizit um die Katze und nicht um das eigene Spiegelbild – und im besten Fall möge man die Band nach einem Konzert nicht nur wegen der Musik, sondern vielleicht auch ein bisschen als Menschen. Joshua: „Ich denke, es ist uns allen wichtig, dass wir nicht zu ernst rüberkommen und dass wir einfach Spaß haben an der Musik.“ Das Unperfekte dabei bewusst zu zeigen, auf der Bühne, im Video, im Selbstbild – das gehört irgendwie dazu.

Kaffee, Bierchen und Saarbrücken

Alle drei wohnen im oder rund ums Nauwieser Viertel. Jan: „Das Nauwieser Viertel ist unser Lebensmittelpunkt – dort trinken wir gerne unseren Kaffee oder sitzen abends auch mal bei einem Bierchen.“ Angefangen haben Jan und Joshua tatsächlich genau dort, in einer umgebauten Besenkammer mit Equipment im Gesamtwert von ungefähr 80 Euro. Der Plan war zunächst, gemeinsam Singer-Songwriter-Musik zu machen, bis sie merkten, dass das zu weit weg war von dem, was sie eigentlich hören. Also kamen elektronische Beats dazu und irgendwann der Wunsch nach einem richtigen Schlagzeug – und damit schließlich Nils.

Den lernten sie am Saarbrücker Osthafen kennen, beim damals gerade gegründeten Kulturgut Ost, wo Jan noch als Tätowierer tätig war. Bei einer Ausstellung wurde Nils spontan gefragt, ob er Lust habe, Schlagzeug zu spielen – er hatte lange nicht mehr gespielt, sagte aber trotzdem zu. „Das hat alles ein bisschen zu gut funktioniert, um das nicht weiterzuführen“, meint Nils, und gibt zu, dass das eine oder andere Bierchen beim ersten Kennenlernen die Stimmung noch euphorischer gemacht habe – vor allem aber habe es menschlich einfach sehr, sehr gut gepasst.

Aber auch dass die Stadt dabei geholfen hat, betont Joshua: „Saarbrücken ist eine Stadt, in der man sich sehr gut vernetzen kann. Da haben wir immer das Glück gehabt, dass wir irgendwen kennen, der schnell da ist und mitmachen will. Und so läuft das Ding überhaupt.“ Jan: „Wir sind Gott sei Dank nicht auf taube Ohren gestoßen, sondern auf Unterstützung. Das ist auf jeden Fall viel wert.“

Es reicht wenig

2019 haben sie angefangen, und seitdem spielen sie, was sie selbst „Two-Chord-Songs“ nennen, und beschreiben sich augenzwinkernd als „highly limited musicians“ – Jan begründet das trocken damit, dass keiner anfangs sein Instrument wirklich beherrscht habe. Eine Ausnahme gibt es allerdings – Nils beherrscht das Schlagzeug tatsächlich, und das betonen alle drei fast ein wenig ehrfürchtig. Jan erklärt das Prinzip dahinter ganz einfach: Viele der besten Songs funktionieren mit zwei, drei Akkorden, und mehr braucht es meistens nicht. „Das kann man teilweise mit zwei Akkorden und drei Tönen schon erzeugen.“ Und dann der Satz, der sich anhört wie eine Einladung an alle, die noch zögern: „An jeden, der das liest: Wenn du Lust hast, Musik zu machen – es reicht wenig.“ Die Songs sollen keinen großen Anspruch haben. Jan: „Es ist eher eine Momentaufnahme von dem, was wir so erleben, mitmachen, empfinden.“ Leicht zugänglich, ohne sich erklären zu müssen – das ist das Ziel.

Melonen, Avocado, Karotte

Wie ein Song entsteht, hängt bei Good Looking Wilson stark von der Stimmung ab. „Cozy“ entstand an einem Regentag in der WG, es war kalt draußen, die beiden saßen auf der Couch – und Joshua sagt, der Vibe habe einfach gepasst, der Song sei fast von selbst gekommen. Tracks mit mehr Energie entstünden dagegen eher im Proberaum, wo sie versuchen, die gemeinsame gute Stimmung direkt in die Musik reinzupacken.

Ihre aktuelle Single „Melao“ hat einen anderen Ursprung. Die Band war in Berlin, bei ihrem Produzenten David, mit dem Plan, an diesem Tag einen neuen Song zu schreiben – ohne Thema, nur mit ein paar musikalischen Ansätzen. Beim Frühstück erzählte Joshua von seinem Portugalurlaub und davon, wie viel besser Melonen dort schmecken als in Deutschland, und daraus wurde ein Song. Joshua: „In dem Song geht es tatsächlich um Melonen. Wirklich um einfach leckere portugiesische Melonen.“ Bis Songs einen richtigen Titel bekommen, tragen viele von ihnen Obst- oder Gemüsenamen – im Archiv warten unter anderem Mandarine, Avocado, Karotte und Kartoffel. Nils: „Das macht es auch nicht leichter, den Durchblick zu behalten.“

Das Video zu „Melao“ ist übrigens fast fertig, seit einer Weile schon. Jan gibt zu, dass man bei den letzten zehn Prozent doch wieder in Selbstzweifel verfalle, ob es überhaupt cool geworden sei. Ob es bis zum Erscheinen dieses Textes draußen ist, bleibt offen. Nur eines sagt er sicher: „Wir geben nicht auf.“

»Sie haben niemals gefailt«

Einen gemeinsamen musikalischen Nenner zu finden, der wirklich für alle drei gilt, ist bei Bands nicht immer einfach. Bei Good Looking Wilson dauert es nicht lange: Es sind Kings of Leon, und zwar die komplette Diskografie. Jan: „Sie haben niemals gefailt.“ Dazu kommen Angus & Julia Stone auf der ruhigeren Seite und Royal Otis im Indie-Pop-Bereich. Joshua nennt außerdem „Sadnecessary“ von Milky Chance als sein persönliches Meisterwerk – roh, voller guter Ideen, ein Album, zu dem er immer wieder zurückkehre.

Nils kommt ursprünglich aus der Beatdown-Hardcore-Szene, was mit dem, was er heute spielt, kaum noch etwas gemeinsam hat. Alt-J hat ihn geprägt, und eine Band namens Low Raw, die ihn 2017 erwischt hat – kein Vorbild zum Kopieren, aber ein Grund, weiterzumachen und das eigene Ding zu finden. Am Ende bringt Nils es auf einen Satz, der eigentlich das gesamte Selbstverständnis der Band beschreibt: „Good Looking Wilson ist eher ein Output für das, was uns gerade im Moment inspiriert.“ Das gelte für die Musik genauso wie für alles andere – ihr Merch-Design etwa kommt stark aus der Sportwelt, hat mit ihrem Sound wenig zu tun und passt trotzdem irgendwie.

Good Looking Wilson – Foto: @goodlookingwilson

Der Dance-Druck

In den frühen Konzerten hat die Band einmal Feedback bekommen, das sie nicht so schnell vergessen hat: Bei ihren Auftritten würden einem die Füße einschlafen. Jan: „Das hat uns so im Herzen getroffen, dass uns von da an bewusst wurde, dass wir den sogenannten Dance-Druck implementieren müssen.“ Mit Nils am Schlagzeug sei der direkt um 300 Prozent gestiegen – und das ist nicht ironisch gemeint.

Seitdem arbeiten sie intensiv daran, genau diese Energie in die Songs reinzupacken und vor allem auf der Bühne zu zeigen. Der Sound habe sich dabei, nicht zuletzt durch die enge Zusammenarbeit mit Produzent David, immer weiterentwickelt – und zwar in eine Richtung, mit der alle drei gerade sehr zufrieden sind.

Niemand am Handy

Beim Schreiben der Songs denken alle drei bereits an die Bühne – das sei, so Joshua, eigentlich fast schon einer der wichtigsten Punkte überhaupt. Ob ein Song live wirklich trägt, ob er zieht, ob er etwas auslöst.

Live ist es dann immer anders als im Proberaum, egal ob bei ruhigen Songs, die mitgesungen werden, oder bei Tracks, bei denen das Publikum tanzt. Joshua: „Das ist natürlich ein mega Adrenalinschub, wenn dann Menschen den Song singen, den man geschrieben hat, und mittanzen und mitfühlen.“ Beim Tanzwiesen-Festival war niemand am Handy, alle einfach tief im Moment – und genau das war der Abend, nach dem Joshua den Urschrei absetzte. Für Jan war es einer der wertschätzendsten Momente, den sie bisher erlebt haben. Nils: „Wir lieben dich deswegen.“

Alte Feuerwache, Oktober, und danach

Im Frühjahr war die Band im Harz, eine Art Bandcamp abseits des Alltags, und hat dort eine ganze Reihe neuer Songs geschrieben, die gerade finalisiert werden – sommerliche Songs, die im Sommer erscheinen sollen, wie Jan sagt, damit sie zur Umgebung passen.

Ende Oktober steht das Travers-Festival an, ein Slot in der alten Feuerwache in Saarbrücken, für den die Band übers Jahr die bestmögliche Show entwickeln will. Jan: „Das ist aktuell eigentlich unsere Hauptarbeit.“

Am Ende des Gesprächs stellen wir ihnen noch eine letzte Frage: Wenn wir uns in drei Jahren wieder zusammensetzen würden – worüber würden wir sprechen? Nils sagt, er würde am liebsten über die letzte Tour reden und was für die nächste geplant sei. Joshua hofft auf neue Songs, neue Konzerte und ein paar mehr Hörer – und dass man weiterhin highly limited Musik mache, die einem selbst gut gefalle. Jan wünscht sich, dass im Live-Game einfach mehr passiert ist: mehr Festivals, mehr Konzerte, vielleicht auch mal als Support für eine größere Band.

Die Katze in Saarbrücken wird dann vermutlich immer noch nichts von ihnen wissen. Dafür aber gewiss die große Anzahl ihrer Fans.

Über Good Looking Wilson:

Good Looking Wilson sind ein 2019 in Saarbrücken gegründetes Indie-Pop-Trio: Joshua (Gesang, Gitarre) und Jan begannen in einer umgebauten Besenkammer im Nauwieser Viertel, später kam Schlagzeuger Nils dazu, den sie über das Kulturgut Ost am Osthafen kennenlernten. Augenzwinkernd nennen sie sich selbst „highly limited musicians“, die seit 2019 Two-Chord-Songs schreiben. Ihr Sound mischt catchy Indie-Pop-Melodien mit elektronischen Beats und einer entspannt-positiven Grundstimmung, Songs, die ebenso zum durchtanzten Abend wie zum ruhigen Morgen danach passen. Produziert werden sie von David Turco in Berlin.

Ihren Namen verdanken sie einer Katze: Sie wohnte namenlos im Treppenhaus der beiden, bis ein Cast-Away-Filmabend sie auf den Volleyball Wilson brachte. Weil das Tier gut aussah, wurde daraus Good Looking Wilson, ergänzt um den Zusatz „Don’t be deceived, the band is not good looking“, der bis heute zur Band-Bio gehört.

Musikalisch orientieren sie sich an Kings of Leon, Angus & Julia Stone und Royal Otis. Aktuell arbeitet das Trio an neuen, sommerlichen Songs, die bei einem Bandcamp-Aufenthalt im Harz entstanden sind, bekannt ist zudem ihre nach einem Portugalurlaub benannte Single „Melao“.

Foto: @goodlookingwilson

Exklusiv mit Jetzt+ lesen:

Jonas Kirch – Der Mann, der die saarländische Bruch Brauerei neu anzapft

In einer alten Energiezentrale in Neunkirchen glänzen wieder die Braukessel. Genau hier wagt die über 300 Jahre alte saarländische Kultmarke Bruch gerade den Neustart....

Daniel Igel (Next Heroes) über Nerdkultur im Saarland – und wie daraus ein Eventphänomen wurde

Ein ganzes Land im Heldenfieber! Vom einstigen Nischenthema zur festen Größe im Veranstaltungskalender: Die saarländische Nerd-Kultur hat sich längst aus ihren Anfängen herausentwickelt. Maßgeblich...

„Ich wollte nie sagen: Hätte ich nur …“ – Hans-Joachim Burgardt über Bücher, Chancen und die HomBuch

Es gibt Menschen, die planen ihr Leben, als wäre es eine Tabelle. Und es gibt Menschen, die begegnen ihm wie einem offenen Buch –...

Rouven Schumacher: Vom Solo-Developer zum preisgekrönten Game-Designer

In der glitzernden Welt der Videospielindustrie, in der normalerweise hunderte Spezialisten an einem einzigen Titel arbeiten, wirkt Rouven Schumacher wie ein sympathischer Anachronismus. Während...

- Anzeige -