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Von Stephan Bonaventura
Er malte Suppendosen, weil er sie halt schön fand. Und er druckte ein Gesicht, bis aus dem Gesicht ein Muster wurde – mit großem weltweitem Erfolg. Die Moderne Galerie des Saarlandmuseums zeigt jetzt die Siebdrucke von Andy Warhol. Wer er war, das weiß die halbe Welt. Was er wollte, ist eine ganz andere Frage.
Pittsburgh, Ende der 1930er-Jahre. Ein Junge liegt im Bett weil eine langwierige Krankheit ihn ans Zimmer fesselt, die Muskeln zucken unkontrolliert. Während die Gleichaltrigen draußen spielen, bleibt ihm nur der Blick in die Illustrierten, bevorzugt Comics und Filmzeitschriften. Fotos von Hollywoodstars schneidet er aus Magazinen aus und hebt sie auf. Mit dabei sind Marilyn Monroe oder auch Elizabeth Taylor. Es sind Gesichter, die er aus der Zeitung kennt, nicht aber aus dem echten Leben.
Andrew Warhola, jüngster Sohn einer slowakischen Einwandererfamilie, kennt die Gesichter der Stars zu diesem Zeitpunkt wohl besser als die seiner Schulkameraden. Es ist exakt dieser Junge, der später seinen Nachnamen verkürzen, sich eine silbrig-blonde Perücke überstreifen und in den teuersten Galerien New Yorks Suppendosen ausstellen wird, als handele es sich um Reliquien. Schon verrückt.
Was kostet eine Dose Suppe?
Der Durchbruch kommt dann 1962. Warhol ist damals einer der gefragtesten Werbezeichner in New York, stellt in der Ferus Gallery in Los Angeles 32 Leinwände mit Campbell‘s Suppendosen aus – eine Dose pro Leinwand, so nüchtern wie ein Supermarktregal. Die Besucher sind verwirrt, wer kann es ihnen verübeln – nur fünf Käufer finden sich. Die Quintessenz: Was auf dem Regal steht, darf also auch an der Galeriewand hängen. Warhol hat das nie erklärt. Er hat es seinen Betrachtern einfach kommentarlos vorgesetzt.
Dann stirbt Weltstar Marilyn Monroe. Im August 1962, kurz nach ihrem Tod, beginnt Warhol mit einer Porträtserie nach einem Szenenfoto aus dem Film „Niagara“ von 1953. Er nimmt das Foto, vergrößert es, überträgt es durch ein Sieb auf die Leinwand. Dazu verwendet er die Farben Türkis, Gelb und Rosa. Immer wieder dasselbe Gesicht, in immer anderen Farben. Das Ergebnis, das „Marilyn Diptych“, hängt heute in der Tate in London und ist vielleicht der Inbegriff eines „Warhols“.
In der Siebdrucktechnik hat Warhol das Verfahren gefunden, das zu ihm passt: Ein Foto wird durch ein Sieb auf eine Leinwand gedrückt, beliebig oft, in beliebig vielen Farbvarianten, bis das Bild aufhört, ein Bild zu sein, und zu etwas anderem wird. Ob das noch ein Original ist oder schon eine Kopie, hat die Kunstwelt damals schon zuhauf diskutiert. Warhol hat die Frage vermutlich langweilig gefunden. Ihn interessierte die Wiederholung selbst – was passiert, wenn man ein Gesicht oft genug druckt, bis es sich vom Menschen löst und zum Motiv wird?
Ein Atelier, das keines war
1962 entsteht in Manhattan die „Factory“. Zwischen surrenden Filmkameras und den lauten Proben der Band The Velvet Underground streichen Assistenten am laufenden Band Farbe durch Drucksiebe. Was hier rattert, ist kein Kunstatelier im klassischen Sinn, sondern eher eine Produktionsmaschine, die sich selbst beim Laufen zuschaut – und dabei Bilder auswirft, die die Welt dann jahrzehntelang beschäftigen werden. Warhol selbst ist inmitten des Trubels eher schweigsam und nur schwer greifbar. Seine Homosexualität lebt er nicht öffentlich, obwohl er sie, direkt darauf angesprochen, nie abstreitet.
Bereits 1968 hinterlässt er im Katalog des Moderna Museet Stockholm den Satz, der ihn bis heute definiert: „In der Zukunft wird jeder für 15 Minuten weltberühmt sein.“ Viele lasen das als Vorhersage. Wahrscheinlich war es eher eine Beobachtung, die er längst gemacht hatte. Im selben Jahr wird er auf offener Straße von der Aktivistin Valerie Solanas angeschossen. Warhol überlebt knapp, zieht sich zurück und lässt sein neues Atelier mit Kameras überwachen. Er ist stiller geworden, vorsichtiger. Gearbeitet hat er trotzdem bis zu seinem Tod im Februar 1987 in New York.
Über Warhols Haltung zu dem, was er abbildete, wird bis heute gestritten. Verehrte er die Konsumwelt? Kritisierte er sie? Die Marilyn-Porträts, so bunt und plakativ sie sind, entstanden unmittelbar nach ihrem Tod. Und die Serien mit Autounfällen, elektrischen Stühlen und Rassismus-Protesten – Bilder aus Tageszeitungen, durch Wiederholung in etwas Befremdliches verwandelt – gehen in eine ganz andere Richtung als die Suppendose. Vielleicht ist genau das die Stärke dieser Bilder: Es gibt gar keine Antwort, sondern nur eine Frage. Was macht es mit einem Gesicht, wenn man es tausendmal sieht? Dies dürfte wohl jeder Betrachter unterschiedlich beantworten.

Offsetlithografie, Privatsammlung Deutschland
© 2026 The Andy Warhol Foundation for the
Visual Arts, Inc. / Licensed by Artists Rights
Society (ARS), New York, Foto: Georgios
Michaloudis, farbanalyse Köln
Ikonen live
Die Ausstellung „Andy Warhol. Ikonen“ in der Modernen Galerie des Saarlandmuseums stellt genau diese Fragen in den Mittelpunkt. Im Fokus stehen Warhols Siebdrucke, an denen seine Arbeitsprozesse ebenso sichtbar werden wie seine Auseinandersetzung mit den Bildwelten der Medien und der Konsumkultur – von Alltagsprodukten bis zu Porträts öffentlicher Figuren.
Wer vor dem stehen will, was dieser Mann hinterlassen hat, hat dazu nun die Gelegenheit. An der Bismarckstraße in Saarbrücken, wo für fast fünf Monate Gesichter an den Wänden hängen, die ein talentierter Junge in Pittsburgh einmal aus Magazinen ausgeschnitten hat.
Ausstellung: 20. Juni bis 18. Oktober 2026. Saarlandmuseum – Moderne Galerie, Bismarckstraße 11–15, 66111 Saarbrücken. Öffnungszeiten: Di–So 10–18 Uhr, Mi 10–20 Uhr.




