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Naturbühne Gräfinthal startet in die Saison 2026 – Wo eine Holzpuppe lügt und ein Pfarrer mit Gott verhandelt

Wachsende Nase, zankender Pfarrer: Italien erobert Gräfinthal

Mitten im Bliesgau wächst gerade eine Nase, und ein Pfarrer rüstet sich für den nächsten Schlagabtausch mit seinem kommunistischen Gegenspieler – in Gräfinthal läuft die italienische Sommersaison bereits.

Wer sich in diesen Wochen auf den Weg ins Tal nach Gräfinthal macht, hört sie schon von Weitem: Stimmen, Gelächter, das Klappern von Kulissen, die seit 1932 für ein paar Stunden eine andere Welt heraufbeschwören. Ihre Geschichte beginnt allerdings früher und ganz anders, als man denkt: Der Kulturverein Bliesmengen-Bolchen wurde bereits 1919 als Männergesangsverein gegründet, bevor er erst 1932 an den Hang von Gräfinthal zog und sich dem Theater zuwandte. Damals floss noch ein Bach mitten über die heutige Bühnenfläche, heute verläuft er darunter oder drumherum. Auch das Bauwerk selbst hat sich gewandelt: Wo früher ein festes Gebäude stand, gibt es heute eine Konstruktion, die der Verein je nach Stück neu mit Kulissen gestaltet.

In diesem Sommer heißt das Motto Italien. Wie in praktisch jeder Saison stehen auch 2026 ein Kinderstück und eine Komödie für Erwachsene nebeneinander auf dem Spielplan, in diesem Jahr unter italienischem Vorzeichen: die hölzerne Lebenslüge eines kleinen Jungen und der jahrzehntelange Streit zwischen einem Dorfpfarrer und seinem kommunistischen Rivalen, zwei Geschichten, die sich nun unter freiem Himmel begegnen.

Möglich macht das ein Netzwerk, das weit über die Bühne selbst hinausreicht. Knapp 300 Mitglieder zählt der Kulturverein, rund 100 davon stehen aktiv auf oder hinter der Bühne, doch pro Spielsaison kommen mehr als 400 Menschen zum Einsatz, wie Felix Lauer und Nils Fillgraff vom Verein im Gespräch mit dem Jetzt. Magazin erzählten. Damit zählt der Kulturverein neben Feuerwehr, Sportvereinen und dem Natur- und Vogelschutzverein zu den größten ehrenamtlichen Strukturen im Ort. Die meisten kommen aus Bliesmengen-Bolchen und der Gemeinde Mandelbachtal, längst aber auch aus Saarbrücken und St. Ingbert. Die Aufgaben reichen von Kulissenbau und Kostümen bis zur Bewirtung der Gäste in der Pause, alles in den Händen von Menschen, die tagsüber ihrem eigentlichen Beruf, der Schule oder dem Studium nachgehen.

Getragen wird das Ganze von Wissen, das über Generationen weitergegeben wird. Ältere Mitglieder, darunter ein Ehrenvorsitzender und ein Ehrenspielleiter, geben ihre Erfahrung an die Jüngeren weiter, und wer einmal dabei war, bleibt es nach den Erzählungen der beiden oft ein Leben lang. Felix Lauer kam selbst mit fünf oder sechs Jahren erstmals zur Naturbühne, nachdem er sich 2002 sieben- oder achtmal „Die Biene Maja“ angesehen hatte. Seine Mutter habe ihm irgendwann gesagt: „Wenn du so begeistert bist, spiel doch einfach selbst mit.“ Nils Fillgraff wiederum wurde von seiner Großmutter mitgenommen und hat seit Anfang der 2010er-Jahre keine Saison mehr ausgelassen. Im Verein selbst sind alle Altersgruppen vertreten, vom unter Einjährigen bis zum fast 90-Jährigen.

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Felix Lauer (l.) und Nils Fillgraff – Foto: Stephan Bonaventura

Dass das Ehrenamt trägt, heißt nicht, dass es nie kracht. Laufende Kosten für Gebäude, Strom, Wasser, Versicherungen und Verbandsbeiträge begleiten den Verein das ganze Jahr. 2018, kurz nachdem Felix Lauer in den Vorstand gewählt worden war, kam das erste Hochwasser, anderthalb Wochen vor der Premiere, die Saison stand auf der Kippe. Die Bühne wurde dennoch rechtzeitig spielfertig, ausgerechnet zur Premiere regnete es erneut, der Zuschauerraum stand unter Wasser, rund 300 Menschen mussten evakuiert werden, binnen einer Woche war die Lage wieder unter Kontrolle. Corona brachte die nächste Zäsur, ein Jahr ganz ohne Vorstellungen, ein weiteres mit nur 300 Zuschauern pro Vorstellung, dazu musste das baufällige Bühnenschloss weg, finanziert über Spenden. Einen Überschuss gibt der Verein seither bewusst an soziale Zwecke weiter, etwa kostenlose Vorstellungen für Schulklassen und Kitas, 2024 zudem eine Spende von 5.000 Euro an Hochwasseropfer.

Beim Nachwuchs gibt es kaum ein Problem, eher das Gegenteil: Die Kindergruppen sind so gefragt, dass es Wartelisten gibt. Schwieriger wird es im Jugendalter, wenn Schule, Pubertät und andere Hobbys konkurrieren. Auch professionelles Interesse gibt es: Jedes Jahr melden sich fünf bis sechs Interessierte, von Zuschauern bis zu ausgebildeten Schauspielern oder Regisseuren, die mitwirken wollen, ohne zu wissen, dass an der Naturbühne niemand für seine Arbeit bezahlt wird. Genau das hält das ehrenamtliche Modell der Bühne überhaupt am Leben.

Was den Aufwand am Ende rechtfertigt, sind die Reaktionen aus dem Zuschauerraum. Nach den Familienstücken stürmen Kinder die Bühne, um Autogramme oder Fotos zu bekommen, und immer wieder erzählen Besucher, früher selbst als Kind hier gewesen zu sein und nun mit den eigenen Kindern oder Enkeln zurückzukehren. Auch die Spieler werden erkannt, manchmal noch Jahre später, in der Schule oder über Nachrichten in sozialen Netzwerken. Für Felix Lauer ist die Naturbühne deshalb auch ein Gegenentwurf zu Social Media und Bildschirmzeit, ein Ort, an dem man oben im Tal den Alltag für ein paar Stunden tatsächlich ausblenden kann.

Die ersten Vorstellungen von „Pinocchio“ sind bereits gelaufen, die Premiere am 13. Juni und eine weitere Aufführung am gestrigen Sonntag. Carlo Collodis Geschichte von der Holzpuppe, die ein echter Junge werden will, entstand 1881 und hat seither nichts von ihrer Kraft verloren: Wer lügt, dem wächst die Nase, und wer ehrlich ist, darf irgendwann ein Mensch sein. Im Bühnenbild dazu steckt dieselbe Ehrenamtsarbeit wie hinter jeder Spielsaison, Kulissen, Kostüme und Technik entstehen ausschließlich in den Werkstätten und Nähstuben des Vereins. Der Kulturverein zeigt das Familienstück noch mehrfach, die nächste Vorstellung folgt am 28. Juni um 16 Uhr.

Pinocchio (Tanja Lengler), Grille (Dana Schütz), Geppetto (Kai Azizi); Foto: Naturbühne Gräfinthal (Frida Esser)

Während „Pinocchio“ weiterläuft, bereitet sich die Bühne auf den zweiten Teil der Saison vor: Am 3. Juli, um 20:30 Uhr, feiert „Don Camillo und Peppone“ Premiere, ein Stoff, den der Kulturverein zuletzt 2009 zeigte. Der italienische Schriftsteller Giovannino Guareschi schickte seinen cholerischen Dorfpfarrer und dessen kommunistischen Widersacher Peppone in immer neue Scharmützel um Glauben, Politik und Dorfehre, lange bevor Fernandel und Gino Cervi die beiden im Kino zu Legenden machten. Don Camillo soll Guareschi dabei nach einem echten Priester namens Camillo Valota geformt haben, der den Krieg als Partisan und KZ-Häftling überlebte, eine Spur Ernst, die unter der Situationskomik mitschwingt.

In Gräfinthal verhandelt der Pfarrer mit Jesus am Kreuz, während Peppone die Übernahme des Rathauses plant, und zwischen den Fronten zeigt sich, wie viel die beiden trotz aller Sturheit verbindet. Die Inszenierung läuft bis Ende August in loser Folge neben „Pinocchio“ weiter, vor allem freitags und an einzelnen weiteren Terminen.

Aktuell begrenzt der Verein den Zuschauerraum bewusst auf 1.200 Plätze, mehr wäre möglich, soll den Ablauf und die Parkplatzsituation aber nicht überfordern. Nach Einschätzung von Felix Lauer zählt die Naturbühne damit flächenmäßig wohl zu den größten Freilichtbühnen Deutschlands, im Saarland ist sie neben Hülzweiler die größte überhaupt. Etwa zehn Vorstellungen pro Saison sind randvoll, über die gesamte Spielzeit kommen in guten Jahren bis zu 20.000 Besucher zusammen, den Hang hinauf nach Gräfinthal.

Spieltermine 2026 (verbleibend) Pinocchio: 28. Juni, 4./5., 12., 18./19. Juli, 9., 15./16., 23., 29./30. August Don Camillo und Peppone: Premiere 3. Juli, 20:30 Uhr, weitere Termine 10./17. Juli sowie 7./8./14./22./28. August Ort: Naturbühne Gräfinthal, Bliesmengen-Bolchen, Gemeinde Mandelbachtal Tickets und vollständiger Spielplan: www.naturbuehne-graefinthal.de

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