- Anzeige -

StartGesellschaftNach schweren E-Scooter-Unfällen: Ärzte im Saarland fordern mehr Schutz...

Nach schweren E-Scooter-Unfällen: Ärzte im Saarland fordern mehr Schutz für Kinder und Jugendliche

Was Ärztinnen und Ärzte am Universitätsklinikum des Saarlandes in den vergangenen Monaten nach E-Scooter-Stürzen von Kindern und Jugendlichen versorgen mussten, reicht bis zu Schädelbrüchen. Mehrere Fachkliniken wenden sich deshalb jetzt gemeinsam an die Eltern.

Mit den Tretrollern, die um die Jahrtausendwende als klappbare Cityroller über die Schulhöfe ratterten, haben heutige E-Scooter nur noch die Form gemeinsam. Ein Elektromotor bringt sie auf bis zu 20 Stundenkilometer, getunte Geräte fahren deutlich schneller, die Räder aber sind klein geblieben. Was passiert, wenn bei diesem Tempo ein Bordstein oder ein Schlagloch im Weg ist, sehen Medizinerinnen und Mediziner am Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) in Homburg immer häufiger, und zwar gerade bei jungen Fahrerinnen und Fahrern. Ärztinnen und Ärzte mehrerer Fachkliniken haben sich deshalb zu einem deutlichen Appell an die Öffentlichkeit zusammengetan. Es müsse dringend etwas zum Schutz der Kinder und Jugendlichen geschehen, bevor die Zahl der schweren Verletzungen weiter steigt und es womöglich Todesfälle gibt.

Angestoßen hat den gemeinsamen Schritt Prof. Dr. Marc Remke, geschäftsführender Direktor der Kinderkliniken am UKS. „Wir haben in den vergangenen Monaten schwere und auch schwerste Verletzungen gesehen und versorgt: von großflächigen Wunden über Gelenksverletzungen bis hin zu Organschäden und sogar Schädelbrüchen“, sagt er. „Ich bin selbst zweifacher Vater und es erschüttert mich zutiefst, wenn eine Fahrt mit dem E-Scooter für Kinder und Jugendliche so traumatisch endet und mitunter lebenslange Folgen für ihre Gesundheit hat.“ Sein Appell richtet sich vor allem an die Eltern, die gemeinsam mit ihren Kindern für besseren Schutz sorgen sollen.

Die Zahlen steigen bundesweit und im Saarland

Mit ihren Beobachtungen stehen die Homburger Ärztinnen und Ärzte nicht allein, denn die Unfallstatistik zeigt seit Jahren nach oben. Im Jahr 2025 erfasste die Polizei laut Statistischem Bundesamt 16.496 E-Scooter-Unfälle, bei denen Menschen verletzt oder getötet wurden, 38,1 Prozent mehr als im Jahr davor. Bei diesen Unfällen starben 38 Menschen, 1.895 wurden schwer verletzt, und unter den verunglückten Fahrerinnen und Fahrern war mehr als die Hälfte jünger als 25 Jahre. Noch steiler verlief die Kurve nach Angaben des UKS bei den Sechs- bis 18-Jährigen, bei denen die Zahl der Unfallopfer um rund 75 Prozent stieg. Was das in absoluten Zahlen bedeutet, zeigt eine Auswertung des Deutschen Verkehrssicherheitsrats: Sie zählt für 2025 rund 5.000 verunglückte Minderjährige, darunter 438 Schwerverletzte und fünf Getötete.

Im Saarland registrierte die Polizei 2025 insgesamt 227 Unfälle mit E-Scootern und anderen Elektrokleinstfahrzeugen, knapp 30 Prozent mehr als im Vorjahr, wie das Innenministerium im April mitteilte. Tödlich endete keiner dieser Unfälle. Mit einer Entspannung rechnet man am UKS trotzdem nicht, denn die bisher dort verzeichneten Fälle deuten darauf hin, dass die Zahlen 2026 weiter steigen.

Wenn das Vorderrad plötzlich stoppt

Welche Verletzungen typischerweise in der Klinik ankommen, beschreibt Prof. Dr. Emmanouil Liodakis, Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, der den Appell ausdrücklich unterstützt. „Bei Stürzen mit dem E-Scooter sehen wir häufig Knochenbrüche der oberen Extremitäten, insbesondere an Handgelenk, Unterarm und Schlüsselbein. Diese entstehen oft beim Versuch, den Sturz mit den Armen abzufangen.“ Auch Verletzungen an den Beinen könnten die Beweglichkeit über Wochen deutlich einschränken. „Vielen Kindern und Jugendlichen ist möglicherweise nicht bewusst, dass solche Verletzungen eine längere Behandlung und Rehabilitation erforderlich machen können. In einzelnen Fällen können auch längerfristige Beschwerden zurückbleiben.“

Warum ein E-Scooter-Sturz so heftig ausfallen kann, liegt für Dr. Johannes Bay, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin im Team der UKS-Notaufnahme, auch an der Bauweise. „E-Scooter besitzen bekanntermaßen verhältnismäßig kleine Räder. Hindernisse wie Bordsteine oder Unebenheiten auf der Fahrbahn können das Vorderrad abrupt abbremsen und Kinder und Jugendliche dabei unvorhergesehen nach vorn schleudern. Im schlimmsten Fall kommt es dann zu einem Schädel-Hirn-Trauma mit ganz erheblichen Folgeschäden.“

Bay verweist zudem auf eine Studie, die im August in der Fachzeitschrift Scientific Reports erschienen ist. Ein britisches Forschungsteam hat darin Daten des nationalen Traumaregisters für England und Wales aus den Jahren 2020 bis 2022 ausgewertet. Das Register erfasst Patienten mit mittelschweren bis schweren Verletzungen, darunter 580 E-Scooter-Fahrende, gut 7.000 Motorradfahrende und gut 7.600 Radfahrende. Unter den verletzten Erwachsenen kam ein Schädel-Hirn-Trauma bei E-Scooter-Fahrenden rund 3,5-mal so häufig vor wie bei Motorradfahrenden, Verletzungen innerer Organe rund 1,5-mal und Gefäßverletzungen gut dreimal so häufig. Bei Kindern und Jugendlichen fiel der Abstand beim Schädel-Hirn-Trauma mit dem 2,4-Fachen etwas geringer aus, blieb aber deutlich.

Wie gefährlich eine einzelne Fahrt ist, lässt sich daraus nicht ablesen. Darauf weisen die Autoren selbst hin, denn ihre Zahlen beschreiben, welche Verletzungen unter den Eingelieferten vorkommen, nicht das Unfallrisiko pro Fahrt. Außerdem fehlen Angaben zu Tempo und Alkohol, und ein Teil der Daten stammt aus der Pandemiezeit. Ein Befund passt trotzdem sehr genau zur Warnung aus Homburg: Nur knapp sechs Prozent der verletzten E-Scooter-Fahrenden hatten einen Helm getragen, bei den Motorradfahrenden waren es rund drei Viertel. Auffällig ist auch der Anteil Minderjähriger, der unter den E-Scooter-Verletzten mit gut 16 Prozent weit über dem bei Motorrad- und Radfahrenden lag.

Was Eltern und Jugendliche tun können

An erster Stelle steht für Remke der Helm, den er für unerlässlich hält, um Kopfverletzungen und Schädelbrüchen vorzubeugen. Für die Gelenke empfehlen die Mediziner festes Schuhwerk wie Stiefel sowie Kleidung mit Protektoren, wie man sie vom Skateboarden oder Inlineskaten kennt, weil sie Verletzungen verhindern oder zumindest abmildern kann. Wer im Dunkeln unterwegs ist, sollte mit Licht und Reflektoren auf sich aufmerksam machen. Das Fahren zu zweit ist verboten, hält Remke fest, und obendrein brandgefährlich. Dasselbe gelte für Tuning, mit dem Leistung und Höchstgeschwindigkeit gesteigert werden.

Ohne Führerschein dürfen E-Scooter ab 14 Jahren gefahren werden, vorausgesetzt, sie tragen eine Versicherungsplakette und es steht nur eine Person darauf. Wer sein Gerät so manipuliert, dass es schneller als 20 Stundenkilometer fährt, verliert die Betriebserlaubnis und gefährdet den Versicherungsschutz, sodass die Versicherung nach einem Unfall Geld zurückfordern kann. Fällt der Roller durch das Tuning in eine führerscheinpflichtige Fahrzeugklasse, kann die Fahrt als Fahren ohne Fahrerlaubnis gewertet werden, und das ist eine Straftat.

Die Neufassung der Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung, die der Bundesrat Ende 2025 gebilligt hat, zieht die Regeln an einigen Stellen an. Neu zugelassene Scooter brauchen ab 2027 Blinker, und ab März 2027 kostet das Fahren zu zweit 25 statt bisher 5 Euro. Eine Helmpflicht sieht die Novelle nicht vor. Ob Kinder und Jugendliche mit Helm fahren, wird also weiterhin in den Familien entschieden, und genau an sie richtet sich der Appell aus Homburg.

Exklusiv mit Jetzt+ lesen:

Pflege ist Nahrung für die Haut: Kyra Nawrocki und ihre stille Revolte gegen die Beauty-Industrie

Kirkel im Saarland. Kurz vor Mitternacht. Während die Provinz tief schläft, brennt in den Arbeitsräumen von Kyra Nawrocki noch Licht. Es riecht nach feinsten...

Aus dem Saarland mitorganisiert, in Paris verliehen: Das sind die Gewinner des Deutsch-Französischen Medienpreises 2026

Ein amtierender und ein ehemaliger Notenbankchef teilen sich in diesem Jahr die höchste Auszeichnung, eine Recherche zu Putins Atomwaffenarsenal gewinnt in der Kategorie Investigation,...

Warum Senubia Alloussi-Improta in der Ästhetischen Medizin auf Natürlichkeit setzt

Wir leben in einer Ära der totalen Sichtbarkeit. Zwischen gnadenlosen Zoom-Calls und weichgezeichneten Filtern ist das Gesicht zur oft gnadenlos analysierten Arena geworden –...

Zuckersteuer, Tierwohl-Kennzeichnung, teurere Minijobs: Das könnte 2027 auf Saarlands Gastronomie zukommen

Beim Landesverbandstag des DEHOGA Saarland ging es formal um Wahlen. Die eigentliche Sorge der saarländischen Wirtinnen und Wirte gilt aber einer Zahl: Fast neun...

Saarland verleiht Großen Medienpreis 2026 an Bundesbank-Chef Nagel und Villeroy de Galhau

Zwei, die Europa zusammenhalten In Wallerfangen steht ein Schloss. Es ist Wohnsitz der Familie, die auch Miteigentümerin von Villeroy & Boch ist – dem Keramikkonzern...

Wie Social Media uns verändert – Thorsten Bost über Algorithmen, Vertrauen und Verantwortung

Zwischen Druckerschwärze und Algorithmus liegt ein ganzes Medienzeitalter – und Thorsten Bost hat beide Welten miterlebt. Als junger Gründer stellte er sich selbst an...

Felix Lauer und Nils Fillgraff über die Naturbühne Gräfinthal: Theater, das verbindet

Hier zählt, was Menschen möglich machen, wenn sie aus Begeisterung handeln: Die Naturbühne Gräfinthal ist kein Projekt mit Dienstplan und Vorschriften, sondern ein Herzstück...

Bliesgau-Lammwochen 2026: 7 Spitzenrestaurants im Saarland und Lothringen setzen aufs Lamm aus der Region

Gleich sieben Restaurants zwischen dem Bliesgau und dem lothringischen Sarreguemines stellen in diesem Herbst wieder ein einziges Tier in den Mittelpunkt ihrer Speisekarte: das...

- Anzeige -