Schulbücher im Baumwollbeutel: Zehn Jahre fair im Regionalverband
Manche Auszeichnungen bekommt man einmal und hängt sie an die Wand. Diese hier muss man alle zwei Jahre neu verdienen – seit nunmehr einem Jahrzehnt.
Mehr als 20.000 Schulbücher hat der Regionalverband Saarbrücken Jahr für Jahr in Fairtrade-Bio-Baumwolltaschen ausgegeben. Eine Maßnahme, die niemandem groß auffällt, solange sie funktioniert – und die vielleicht gerade deshalb mehr über den Regionalverband erzählt als jede Urkunde an der Wand.
Eine Urkunde gibt es trotzdem, und zwar jetzt wieder: Der Regionalverband Saarbrücken darf sich weiterhin offiziell Fairtrade-Region nennen. Das Siegel vergibt Fairtrade Deutschland, und es gilt nicht auf Lebenszeit; seit der ersten Auszeichnung im Jahr 2016 werden die Kriterien alle zwei Jahre neu überprüft. Das Verfahren ähnelt damit weniger einem Orden als einem TÜV-Termin: Wer nachlässt, verliert die Plakette. „Seit zehn Jahren steht der Regionalverband Saarbrücken als Fairtrade-Region für Verantwortung, Nachhaltigkeit und globales Denken. Darauf können wir stolz sein“, sagt Regionalverbandsdirektorin Dr. Carolin Lehberger. Die Auszeichnung verstehe man zugleich als Ansporn, den fairen Handel weiter zu stärken. Das Jubiläum soll im September gemeinsam mit den Projektpartnerinnen und -partnern gefeiert werden; einen festen Termin gibt es noch nicht.
Den größten Hebel hat der Regionalverband dabei in den Schulen. Als größter Schulträger des Saarlandes bringt er den Fairtrade-Gedanken dorthin, wo er am frühesten hängen bleibt. Acht Schulen im Verbandsgebiet tragen inzwischen den Titel Fairtrade-School. Mehr als 400 Klassen wurden als Faire Klassen ausgezeichnet, und für alle 70 Schulen im Verbandsgebiet hat der Regionalverband fair gehandelte Sportbälle beschafft. Dazu kommen die Baumwolltaschen zur Schulbuchausgabe – ein kleines Detail, das sich über die Jahre zu einer Gewohnheit summiert hat.
Getragen wird das Ganze von einer eigenen Fairtrade-Steuerungsgruppe; Fairtrade-Beauftragter ist Klimaschutzmanager Stephan Zander. Sie sorgt dafür, dass fairer Handel im Verwaltungsalltag sichtbar bleibt – der Coffee Day gehört dazu, ebenso das faire Frühstück und der Verkauf fairer Adventskalender. Und wenn der Regionalverband selbst Veranstaltungen ausrichtet, ist fairer Handel meist mit dabei, beim Velo-Swing-Festival zum Beispiel als Fairtrade-T-Shirt.
Mitte der 2000er malte sich Coldplay-Sänger Chris Martin vor Auftritten ein Gleichheitszeichen auf den Handrücken, das Symbol von Oxfams Kampagne „Make Trade Fair“ – auf seinem Klavier stand derselbe Kampagnenname ausgeschrieben, zu sehen bei Konzerten von Washington bis Hongkong. Hinter der Geste steckte mehr als eine Bühnenshow: Oxfam sammelte für die Kampagne weltweit rund 17,8 Millionen Unterschriften und übergab sie den Handelsministerinnen und -ministern beim WTO-Gipfel in Hongkong. Fairer Handel spielte damals in Stadien und auf Weltkonferenzen. Zwanzig Jahre später steckt dasselbe Thema in Schulbüchertaschen, Sportbällen und Beschaffungslisten. Das ist deutlich weniger glamourös. Aber es bleibt auch dann noch da, wenn die Tour längst weitergezogen ist.
Der Regionalverband ist dabei Teil einer größeren saarländischen Geschichte: Seit dem 7. November 2025 ist das Saarland das erste Fairtrade-Bundesland Deutschlands. Die Landesregierung hatte das Vorhaben im Mai 2023 beschlossen; im Februar 2025 unterzeichneten Ministerpräsidentin Anke Rehlinger und die Sprecherinnen der Steuerungsgruppe Faires Saarland die Bewerbung. „Als erstes Bundesland beweist das Saarland, dass sozialer und ökologischer Wandel auch auf Landesebene gestaltet werden kann“, sagte Rehlinger bei der Auszeichnungsfeier.
Die Hürden für diesen Titel sind real: Zwei Drittel der Bevölkerung eines Bundeslandes müssen in bereits ausgezeichneten Fairtrade-Towns leben. Die Landesregierung muss außerdem einen eigenen Beschluss fassen, der sie dazu verpflichtet, in der Staatskanzlei und in allen Ministerien Fairtrade-Kaffee sowie ein weiteres faires Produkt auszuschenken – Symbolpolitik, die im Kleingedruckten der Kriterien tatsächlich Pflicht ist. Insgesamt sechs Kriterien müssen erfüllt werden, von der Steuerungsgruppe über Bildungsarbeit bis zur politischen Verankerung des fairen Handels. Und auch hier gilt: nichts für die Ewigkeit. Nach vier Jahren steht die Erneuerung an, mit zusätzlichen Anforderungen. Das Saarland erfüllt die Grundvoraussetzung deutlich; über drei Viertel der Saarländerinnen und Saarländer leben in einer Fairtrade-Town oder einem Fairtrade-Landkreis. Der Regionalverband hat nach eigener Darstellung maßgeblich daran mitgewirkt, dass aus diesem Fundament der Bundesland-Titel wurde.
Was das in der Praxis heißt, zeigt sich in Benin. Die Fairtrade-zertifizierten Cashews der Kooperative CCPA BIO EQUITABLE werden unter anderem in den saarländischen Weltläden verkauft. „Der faire Handel trägt dazu bei, dass die Kinder eine bessere Ausbildung bekommen. Früher haben wir mit Verlust verkauft. Dank Fairtrade können wir die Kerne zu angemessenen Preisen verkaufen“, sagt der Vorsitzende der Kooperative, Gaya Chabi Boum. Vivian Pollner, Schülerin der Gemeinschaftsschule Marpingen und Sprecherin der Steuerungsgruppe Faires Saarland, sagt: „Niemand kann alles tun, aber gemeinsam verändern wir die Welt – dieser Satz ist für unser Engagement sehr wichtig.“
Ganz neu ist die saarländische Vorreiterrolle ohnehin nicht: Saarbrücken wurde 2009 als erste deutsche Stadt Fairtrade-Town, die Universität des Saarlandes war 2014 bundesweit die erste Fairtrade-University. Aus solchen Anfängen sind inzwischen über 900 Fairtrade-Towns, mehr als 1.000 Fairtrade-Schools und 51 Fairtrade-Universities in Deutschland geworden.
Wer hinter dem Siegel steckt, ist klar geregelt: Der Verein Fairtrade Deutschland wurde 1992 gegründet. Er handelt selbst nicht mit Waren, sondern wirbt für fairen Handel und nachhaltigen Konsum, und ist Teil des internationalen Verbunds Fairtrade International mit Organisationen aus 25 Ländern. Die Einhaltung der Standards prüft die unabhängige FLOCERT GmbH nach einem weltweit einheitlichen Zertifizierungssystem. Dass sich das im Verkauf niederschlägt, zeigen die Zahlen: Der Umsatz mit Fairtrade-Produkten stieg 2024 auf 2,9 Milliarden Euro; laut einer Verbraucherstudie von GlobeScan und Fairtrade vertrauen 83 Prozent der Käuferinnen und Käufer dem Siegel.
Bis zur Jubiläumsfeier läuft der Betrieb im Regionalverband also weiter wie in den zehn Jahren davor: unaufgeregt, überprüfbar, mit Ablaufdatum auf jeder Urkunde. Man könnte auch sagen: Das Gleichheitszeichen ist von Chris Martins Handrücken ins Kleingedruckte gewandert. Dort hält es besser.
Weitere Informationen: www.regionalverband.de/fairtrade



