Isabel Kleefeld, die mit „Liebes Kind“ gemeinsam mit Julian Pörksen einen International Emmy gewann, verfilmt mit einem großen Teil desselben Teams erneut einen deutschen Psychothriller-Bestseller. Ob das Katz-und-Maus-Spiel um Friederike Becht dem Vorbild das Wasser reichen kann, zeigt sich erst am 13. Oktober – die Ausgangslage ist jedenfalls vielversprechend.
Im September 2023 schaffte eine deutsche Netflix-Produktion etwas, das zuvor kaum jemand für möglich gehalten hätte: „Liebes Kind“ nach dem Bestseller von Romy Hausmann stieg binnen einer Woche auf Platz eins der globalen, nicht-englischsprachigen Netflix-Charts, verzeichnete am Ende mehr als zehn Millionen Abrufe und schaffte es in 84 Ländern in die Top Ten. Regie führten Isabel Kleefeld und Julian Pörksen gemeinsam, wofür beide später mit einem International Emmy ausgezeichnet wurden. Für Netflix wie für die Produktionsfirma Constantin Film war der Erfolg der Beweis, dass sich deutsche Psychothriller-Bestseller offenbar auch mit internationalem Anspruch verfilmen lassen und beim Publikum ankommen. Drei Jahre später wiederholt ein großer Teil desselben Teams den Versuch, mit Kleefeld erneut als Regisseurin, denselben Produzenten Tom Spieß und Friederich Oetker, demselben Kameramann Martin Langer und wieder einer literarischen Vorlage, die schon vor ihrem eigentlichen Verkaufserfolg für internationale Aufmerksamkeit sorgte.
Melanie Raabes Debütroman „Die Falle“ erschien 2015 und wurde noch vor der deutschen Veröffentlichung in 21 Länder verkauft, weil sich ausländische Verlage die Rechte sicherten, bevor das Buch hierzulande überhaupt im Handel lag, was für ein Debüt ausgesprochen ungewöhnlich ist. Selbst Hollywood interessierte sich damals: TriStar Pictures erwarb die Filmrechte, eine Verfilmung kam all die Jahre über jedoch nie zustande. Dass daraus nun ausgerechnet eine deutsche Netflix-Serie wird und keine amerikanische Kinoproduktion, passt zu einem Muster, das sich seit „Liebes Kind“ verfestigt hat, denn internationale Thriller-Stoffe werden zunehmend zuhause verfilmt, statt jahrelang bei US-Studios in der Entwicklung zu versanden.
Kleefeld, die zuvor unter anderem den Kinofilm „Ruhm“ (2012) und den ZDF-Zweiteiler „Die Informantin – Der Fall Lissabon“ (2019) inszenierte, zeichnet bei „Die Falle“ erneut sowohl für Regie als auch für das Drehbuch verantwortlich und fungiert zugleich als Creative Producerin, eine Machtfülle, die man ihr offenbar gerne wieder zutraut, nachdem das Ergebnis beim letzten Mal so gut ankam. Für die Musik konnte mit Volker Bertelmann sogar ein Oscar-Preisträger gewonnen werden, der 2023 für seine Filmmusik zu „Im Westen nichts Neues“ ausgezeichnet wurde.
Eine Autorin als eigener Köder
Die Bestsellerautorin Lisa Konrad (Friederike Becht) hat seit fast zehn Jahren ihr Haus nicht mehr verlassen, nachdem sie Zeugin des Mordes an ihrer Schwester Anna (Josephine Thiesen) wurde. Als sie den mutmaßlichen Täter Jahre später in einem Fernsehbeitrag wiedererkennt, beginnt sie ein riskantes Spiel und lockt ihn mit sich selbst als Köder in eine Falle, beobachtet und umgeben von Figuren wie dem Journalisten Robert Lenzen (Hans Löw), ihrem Verleger Norbert Rudow (Matthias Brandt), der Literaturagentin Pia (Anna Schudt) und ihrer Therapeutin Dr. Shelley Anger (Ursula Strauss). Wer am Ende tatsächlich in wessen Falle sitzt, ist naturgemäß die Frage, die sechs Folgen lang offengehalten wird, und mehr sollte man über die Wendungen eines Psychothrillers dieser Bauart ohnehin nicht wissen, bevor man ihn selbst gesehen hat.

Becht, zuletzt unter anderem in der Serie „Hundertdreizehn“ zu sehen, übernimmt mit Lisa Konrad eine Rolle, die über weite Strecken der Serie in Isolation gespielt werden muss, eine schauspielerische Aufgabe, die näher an einem Kammerspiel liegt als an einem klassischen Ensemblethriller. Genau darin dürfte auch das größte Risiko der Produktion liegen, denn ob eine einzelne Figur sechs Folgen lang trägt, ohne dass sich das Katz-und-Maus-Prinzip in Redundanz erschöpft, ist eine Frage, die sich erst am Bildschirm beantworten lässt. Mit Matthias Brandt und Hans Löw sind zwei Schauspieler besetzt, die dem Psychothriller möglicherweise genau jene unterkühlte Ambivalenz verleihen, die schon „Liebes Kind“ ihren Biss gab, wie sich erst an den fertigen Folgen zeigen wird.

Ob „Die Falle“ ihrem prominenten Vorbild tatsächlich das Wasser reichen kann, lässt sich vor dem Start am 13. Oktober naturgemäß nicht abschließend beurteilen – Pressevorführungen gab es bislang keine, nur einen ersten Trailer als bisher einzigen öffentlichen Ausschnitt. Was für die Serie spricht, ist die schiere Häufung an Erfolgsfaktoren, die schon einmal funktioniert haben – dieselbe Regisseurin, dasselbe Produktionsteam, eine literarische Vorlage mit nachgewiesener internationaler Zugkraft und ein Ensemble aus etablierten deutschen Charakterdarsteller:innen statt Beauty-Besetzung. Ob daraus wieder ein globaler Top-Ten-Erfolg wird oder nur solides Genre-Handwerk ohne den Überraschungsmoment von 2023, entscheidet sich erst, wenn Netflix am 13. Oktober alle sechs Folgen auf einmal freischaltet.
Die Falle Genre: Psychothriller Regie/Buch: Isabel Kleefeld Cast: Friederike Becht, Hans Löw, Matthias Brandt, Anna Schudt, Ursula Strauss, Josephine Thiesen, Malaya Stern Takeda, Miriam Ohlmeyer, Michael Klammer Verfügbar bei: Netflix Staffel: Miniserie, 6 Folgen Start: 13. Oktober 2026





