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Eine Künstlerin nimmt sich die Vermarktung weiblicher Körper zwischen Ost und West vor, zwei Gestalter bringen ein Haus zum Summen, und eine Kamera kreuzt Gäste digital mit Tierformen. So klingt der Herbst in der Stadtgalerie Saarbrücken. Wir freuen uns drauf.
Das Herbstprogramm der Stadtgalerie Saarbrücken wird bunt, hörbar und an einigen Stellen ziemlich körperlich. Vier Ausstellungen und Projekte laufen parallel, und bei dreien davon darf das Publikum selbst Hand anlegen, summen oder sich von einer Kamera erfassen lassen. Los geht es mit der Eröffnung am Freitag, 23. Oktober, um 19.30 Uhr, bei der Oberbürgermeister Uwe Conradt die Gäste begrüßt und Katharina Ritter, seit 2021 künstlerische Leiterin des Hauses, ins Programm einführt. Auch die Künstlerinnen und Künstler sind an dem Abend da. Wer dann nicht kann, hat bis zum 28. Februar 2027 Zeit, und Eintritt nimmt die Stadtgalerie wie immer keinen.
Darja Linder und die Vermarktung weiblicher Körper
Schon der Titel „Top Quality Bitches“ klingt wie ein Verkaufsslogan, und um Vermarktung geht es tatsächlich. Darja Linder, 1992 in Russland geboren und heute in Saarbrücken zu Hause, fragt von ihrer eigenen Migrationsgeschichte aus, wie weibliche Körper im Spannungsfeld von Ost-West-Erzählungen verkauft und instrumentalisiert werden. Multimedial und in kräftigen Farben zeigt sie, wie Frauen und Weiblichkeit politisch, kulturell und ökonomisch vereinnahmt werden, wobei ihre Arbeiten stereotype Vorstellungen infrage stellen und die Objektifizierung weiblicher Körper unterlaufen.

Dezent ist ihre Bildsprache nicht. Ihre figurative Malerei bedient sich der Bildwelten ihrer Generation, von Dating-Apps über Fernsehserien bis zur „Cringe-Kultur“, und die Oberflächen sind so grell, dass man leicht übersieht, was darunter liegt, nämlich Fragen nach Klasse, Geschlecht und Migration, wie es die Stiftung Schloss Wiepersdorf beschreibt. Während eines Stipendiums auf Schloss Wiepersdorf im Herbst 2024 arbeitete Linder an „PostOstBestWest“, einem Projekt über Entwurzelung und die doppelte Fremdheit jener, die als Kinder aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen.
Die Stadtgalerie hält das Thema angesichts rechtspopulistischer und antifeministischer Tendenzen für besonders dringlich, und mit der Ausstellung ist das Haus Teil des Netzwerks „heimaten“. Angestoßen hat die Initiative das Haus der Kulturen der Welt in Berlin, um „Heimat“ als etwas Plurales neu zu denken. Das Wort ist dort bewusst auch ein Verb, weil Heimat gestaltet werden will. Gefördert wird „heimaten“ vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Grundlage eines Beschlusses des Bundestages.
Ein Haus, das summt
Wer schon einmal versucht hat, mit geschlossenem Mund einen Ton zu halten, weiß, wie schnell sich das im Brustkorb bemerkbar macht. Um diese Art körperlicher Erfahrung geht es Oliver-Selim Boualam und Lukas Marstaller, die gemeinsam als BNAG arbeiten, und das Haus in ihrem Projekttitel „Hmmm, I think my house is humming“ ist diesmal die Stadtgalerie selbst. Zusammen mit dem Publikum bauen sie dort Orte zum Hören, Summen und Verweilen, an denen das Summen auch im Raum spürbar werden soll, als einfaches Mittel, um Druck abzubauen und die eigene Wahrnehmung zu schärfen.
Neu ist das Summen im Haus allerdings nicht. BNAG war schon an „Summ Summ Summ“ beteiligt, der von Kindern und Jugendlichen kuratierten Ausstellung, die von Oktober 2025 bis Februar 2026 lief, und Marstaller hatte sich bereits 2023 mit dem Thema beschäftigt, als er für ein Projekt in Salem eine Klangperformance entwickelte, die auf dem Summen von Bienen beruht. Wer beim Summen an den eigenen Körper denkt, liegt bei BNAG ohnehin richtig, denn das Studio ist unter anderem für die Keramikserie „Body Buddies“ bekannt, Schalen, Vasen und Lampen in Form von Ohren, Händen und Füßen.
Zehn Köpfe zum Stapeln
In der Reihe „Der Eine Raum“ zeigt die Stadtgalerie immer nur ein einzelnes Werk aus dem städtischen Kunstbesitz und stellt ein Tastmodell dazu, das einen inklusiven, sinnlichen Zugang ermöglicht. Das aktuelle Werk, „Hold Your Thoughts“ von Eric Schwarz, ist seit dem 1. Mai zu sehen und darf nun länger bleiben. Die zehn Köpfe aus recyceltem Plastik, produziert von PLASTIKFABRIK in Saarbrücken, sind Skulptur, Spielzeug und Meditationsobjekt in einem, und wer will, stapelt sie selbst übereinander und wird so Teil der Arbeit.
Mischwesen aus der Kamera
Für „Flüssige Körper“ hat Mert Akbal drei neue Arbeiten entwickelt. Im Zentrum steht eine interaktive Medieninstallation, in der niemand ganz Mensch bleibt, denn eine Kamera erfasst die Gäste und überträgt ihre Körper in eine digitale Bildwelt, in der sie sich mit tierischen Formen zu individuellen Mischwesen verbinden. Ganz ohne Bildschirm kommen dagegen die generativen Tierbilder im Innenhof aus, die Akbal in Öl und Aquarell auf Papier und Holz gemalt hat.
Die Ausstellung gehört zur Reihe „AI Joins Us“, in der Künstlerinnen, Künstler und Publikum gemeinsam kritisch über Möglichkeiten und Folgen Künstlicher Intelligenz nachdenken sollen. Konzipiert haben sie Hojin Kang und Katharina Ritter, und Kang war auch ihr erster Künstler. Für seine zweite Arbeit in der Reihe, zu sehen ab Mai 2026, trainierte er eine generative KI mit Zeichnungen seines vierjährigen Sohnes. Mit Akbal folgt nun jemand, der die Technik auch von der Forschungsseite kennt: Er studierte Kommunikationsdesign an der HBK Saar, arbeitet dort heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter für generative Medienkunst und ist laut Hochschule assoziierter Forscher am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften.
Die Verbindung von historischen Verfahren des Surrealismus und KI-Bildgenerierung, auf die Akbal setzt, lässt sich am 1. Dezember um 17 Uhr auch selbst ausprobieren. Dann ergänzt eine „Surrealisten-Werkstatt“ die Ausstellung, in der Gäste mit überraschenden Bildkombinationen experimentieren können.







Herbstprogramm Stadtgalerie Saarbrücken
- Eröffnung: Freitag, 23. Oktober 2026, 19.30 Uhr
- Laufzeit: 24. Oktober 2026 bis 28. Februar 2027
- Ort: Stadtgalerie Saarbrücken, St. Johanner Markt 24, 66111 Saarbrücken
- Öffnungszeiten: Di, Do, Fr 12–18 Uhr, Mi 14–20 Uhr, Sa, So und feiertags 11–18 Uhr, montags geschlossen
- Eintritt: frei
- Surrealisten-Werkstatt: Dienstag, 1. Dezember 2026, 17 Uhr
- Infos online





