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Wie viel Wahrheit steckt in Kriegsbildern? Rolf Sachsse spricht im Historischen Museum Saar

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Von Roger Fentons Krimkrieg-Fotos bis zu Anja Niedringhaus’ Bildern aus Afghanistan: Der Fotohistoriker, der mehr als ein Jahrzehnt in Saarbrücken lehrte, fragt, was ein Foto vom Krieg überhaupt beweisen kann.

Kanonenkugeln bei Sewastopol

Roger Fenton hat 1855 bei Sewastopol auf der Krim am selben Tag und an derselben Stelle zwei Fotos gemacht. Auf dem einen liegen Kanonenkugeln im Straßengraben, auf dem anderen verstreut auf dem Weg, und seit Langem wird darüber gestritten, ob der Fotograf, der mit einem pferdegezogenen Wagen voller Ausrüstung durch den Krimkrieg zog, die Kugeln für das dramatischere Bild selbst auf die Straße befördert hat. Errol Morris ging der Sache 2007 in einer mehrteiligen Serie der New York Times nach, und seine Recherchen legten eine Inszenierung nahe, ausgestanden ist die Frage unter Historikern damit aber nicht. Der Titel des Bildes, „The Valley of the Shadow of Death”, spielt auf den 23. Psalm an.

Wie weit man einem Kriegsfoto trauen darf, ist damit seit den Anfängen der Kriegsfotografie offen, und genau darum kreist der Vortrag „Hin- oder Wegsehen? Krieg und Frieden in den Bildmedien”, den Prof. Dr. Rolf Sachsse im Historischen Museum Saar hält. Die Volkshochschule Regionalverband Saarbrücken veranstaltet ihn in Kooperation mit dem Museum. Wie zeigen Bilder Krieg und Gewalt, und welchen Wahrheitsanspruch haben sie?

Von Felszeichnungen bis Afghanistan

Der Blick auf den Krieg ist älter als jede Kamera. Schon frühe Felszeichnungen lassen sich als Darstellungen kriegerischer Handlungen deuten, und im 18. Jahrhundert gehörten aufwendige Marine- und Schlachtenbilder zu den teuersten Werken der Malerei. Mit der Fotografie kam der Anspruch hinzu, Kriegsgeschehen möglichst wirklichkeitsgetreu zu dokumentieren und über die Realität kriegerischer Auseinandersetzungen aufzuklären. Ob Bilder das tatsächlich leisten können, dem geht Sachsse anhand von Beispielen aus verschiedenen Jahrhunderten nach.

Fenton, der im März 1855 in Balaklava ankam und gut drei Monate blieb, hatte mit der Londoner Firma Thomas Agnew & Sons einen kommerziellen Sponsor im Rücken und brachte mehr als 350 großformatige Negative mit. Verwundete oder Tote zeigen sie nicht. Die langen Belichtungszeiten erlaubten ohnehin nur stillstehende Motive, und so entstanden vor allem gestellte Porträts und Landschaften.

Der Vortrag reicht von diesen frühen Aufnahmen bis zu den Fotografien, die Anja Niedringhaus aus Afghanistan mitbrachte, mehr als anderthalb Jahrhunderte später. Die Fotografin aus Höxter erhielt 2005 als Teil eines Teams der Nachrichtenagentur AP den Pulitzer-Preis für die Berichterstattung vom Irakkrieg. Am 4. April 2014 wurde sie in der Provinz Khost im Osten Afghanistans, wo sie über die Präsidentschaftswahl berichtete, von einem afghanischen Polizisten erschossen; ihre Kollegin Kathy Gannon überlebte schwer verletzt. Niedringhaus habe, so ihr AP-Kollege David Guttenfelder am Tag nach ihrem Tod gegenüber National Geographic, auf sehr ehrliche, zärtliche Weise fotografiert.

Der Referent kennt Saarbrücken

Rolf Sachsse, Jahrgang 1949 und in Bonn geboren, hat erst Fotograf gelernt und dann Kunstgeschichte, Kommunikationsforschung und Literaturwissenschaft studiert; 1983 promovierte er zur Fotografiegeschichte. Er ist Fotograf, Autor, Künstler und Kurator, lehrte an europäischen Kunsthochschulen und war Professor für Fotografie und elektronische Bildmedien in Krefeld. Von 2004 bis 2017 unterrichtete er an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken Designgeschichte und Designtheorie und war dort von 2013 bis 2017 zusätzlich Prorektor für Lehre und Wissenschaft.

Das Wegsehen im Titel seines Vortrags taucht bei Sachsse nicht zum ersten Mal auf: 2003 erschien sein Buch „Die Erziehung zum Wegsehen. Fotografie im NS-Staat”, in dem er unter anderem Propaganda, Presse-, Architektur- und Amateurfotografie untersucht. Fotografie sei, so seine These, die Basis der historischen Erinnerung an diesen Staat.

Unter dem Schlossplatz

Der Vortrag findet am Donnerstag, 19. November, ab 18.30 Uhr im Historischen Museum Saar am Schlossplatz statt. Das Haus erzählt in seiner Dauerausstellung die wechselvolle Geschichte des Saarlands von 1870 an bis ins späte 20. Jahrhundert, mit Installationen zum Sehen, Hören und Erleben. Unter dem Schlossplatz geht das Museum weiter: Zur unterirdischen Anlage gehören die Gewölbekeller des Saarbrücker Schlosses, der freigelegte Burggraben mit seinen Kasematten aus dem 16. Jahrhundert, ein im Burggraben errichtetes Ballhaus und ein Verlies.

Vortrag „Hin- oder Wegsehen? Krieg und Frieden in den Bildmedien” mit Prof. Dr. Rolf Sachsse, in Kooperation mit der Volkshochschule Regionalverband Saarbrücken
Termin: Donnerstag, 19. November 2026, 18.30 Uhr
Ort: Historisches Museum Saar, Schlossplatz 15, 66119 Saarbrücken
Eintritt: 8 Euro
Karten: an der Abendkasse oder über www.vhs-saarbruecken.de (Kursnummer AU2514)

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