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Wer mit Ozempic, Wegovy oder Mounjaro abnimmt, bekommt womöglich Ärger mit den Zähnen. Ob das stimmt und woran es liegt, will eine Oberärztin am Universitätsklinikum des Saarlandes nun systematisch herausfinden. Die schwedische Eklund Foundation gibt ihr dafür die höchste Summe, die sie in diesem Jahr vergibt.
Als Jimmy Kimmel bei der Oscar-Verleihung 2023 in den Saal blickte, allen ein großartiges Aussehen bescheinigte und sich laut fragte, ob Ozempic vielleicht auch etwas für ihn wäre, brauchte im Publikum niemand eine Erklärung. Das Diabetesmittel, mit dem sich nebenbei Kilos verlieren lassen, war da längst auch außerhalb der Arztpraxen ein Gesprächsthema. Inzwischen ist es in der Zahnmedizin angekommen, wo es sogar ein eigenes Schlagwort bekommen hat. Vom „Ozempic-Zahn“ ist in Fach- und Publikumsmedien die Rede, wenn Menschen unter Therapie mit sogenannten GLP-1-Rezeptor-Agonisten über einen trockenen Mund klagen, ihr Zahnschmelz erodiert oder Karies auffallend schnell voranschreitet. Diese Wirkstoffgruppe wird gegen Typ-2-Diabetes oder starkes Übergewicht verschrieben. Zu ihr gehören neben Semaglutid, verkauft als Ozempic und Wegovy, auch Tirzepatid (Mounjaro, Zepbound), Dulaglutid (Trulicity) und Liraglutid (Victoza, Saxenda).
Beobachtungen aus der Homburger Zahnklinik
An der Klinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und Präventive Zahnheilkunde des Universitätsklinikums des Saarlandes (UKS) kennt man das Phänomen aus eigener Anschauung. „Auch in unserer Klinik haben wir diese Zahnprobleme bereits bei Patientinnen und Patienten unter Therapie mit GLP-1-Rezeptor-Agonisten beobachtet“, sagt Oberärztin PD Dr. Madline Gund. Den Grund vermutet sie in dem, was die Therapie im Körper nach sich zieht. „Diese Nebenwirkungen sind wahrscheinlich auf indirekte Folgen wie Dehydrierung, Appetitunterdrückung und daraus resultierende Nährstoffmängel, etwa an Kalzium oder Vitamin D, sowie die Einwirkung von Magensäure zurückzuführen.“ Wie oft der Magen-Darm-Trakt dabei rebelliert, lässt sich für Ozempic in der Produktinformation der EMA nachlesen, der Europäischen Arzneimittel-Agentur. Übelkeit und Durchfall treten bei mehr als einem von zehn Behandelten auf, und auch Erbrechen gehört zu den häufigen Nebenwirkungen. Häufiges Erbrechen gilt als Risiko für den Zahnschmelz, und Durchfall kann den Körper zusätzlich austrocknen.
Mit dem Geld der Stiftung will Gund ihre Vermutung nun überprüfen. „Ziel unseres Forschungsprojektes ist es, diese Probleme systematisch zu dokumentieren und ihre Ursachen zu erforschen“, sagt sie. Dafür werden Patientinnen und Patienten zwei Jahre lang begleitet, damit sich verfolgen lässt, wie sich Zähne und Mundschleimhaut im Lauf der Behandlung verändern. Wissenschaftlich betreut wird die Studie von Klinikdirektor Prof. Dr. Matthias Hannig, mitbeantragt hat sie Dr. Daniella Pilon Muknickas. Weil Gund die Magensäure zu den möglichen Ursachen zählt, passt es, dass auch die Klinik für Gastroenterologie mit im Boot sitzt. Sie ist vertreten durch Direktor Prof. Dr. Jörn Schattenberg und Funktionsoberärztin Dr. Silva Yusefpur.
Was man bisher weiß
Wie dünn die Datenlage ist, hat die Jury der Stiftung in ihrer Begründung festgehalten. Zu den Auswirkungen der GLP-1-Präparate auf Zähne und Mundschleimhaut gebe es bislang keine systematischen Untersuchungen, heißt es dort, „obwohl sich daraus potenzielle Konsequenzen für eine große Patientengruppe ergeben könnten“. In der Fachliteratur finden sich Fallberichte wie der über drei Patientinnen, bei denen sich unter Semaglutid nach rund vier Wochen eine deutliche Mundtrockenheit einstellte.
Im August kam eine große Auswertung hinzu, die vorsichtiger klingt. Mitarbeiter des US-Unternehmens nference haben die Krankenakten von gut 184.000 Erwachsenen ausgewertet, die neu Semaglutid oder Tirzepatid erhielten. Ihre Ergebnisse als Preprint sind noch nicht von Fachkollegen begutachtet. Im Vergleich mit Patienten unter anderen Diabetesmitteln fanden sie insgesamt kein erhöhtes Risiko für neue Mund- und Zahnerkrankungen, häufiger traten lediglich Beläge und Zahnstein auf. Mundtrockenheit war mit gut fünf Prozent der häufigste neue Befund und nahm zu, je mehr Gewicht die Behandelten verloren. Die Autoren betonen dabei selbst, dass ihre Zahlen Zusammenhänge zeigen und keine Ursachen belegen. Was im Mund tatsächlich passiert, lässt sich aus Krankenakten nur begrenzt ablesen. Die Homburger Studie soll das ändern, indem sie Patienten zwei Jahre lang regelmäßig untersucht, und die Jury traut ihr dabei einiges zu. „Dank eines fundierten und verallgemeinerbaren Studiendesigns kann das Projekt einen direkten klinischen Mehrwert bieten, als Grundlage für künftige Behandlungsleitlinien dienen und maßgeblich zur Verbesserung der Mundgesundheit in breitem Umfang beitragen“, urteilte sie.
Wie viele Menschen das betreffen könnte, zeigen die Prognosen. Die Investmentbank J.P. Morgan rechnet damit, dass allein in den USA bis 2030 zwischen 25 und 30 Millionen Menschen eine GLP-1-Therapie erhalten. Auch für Deutschland wird eine stark steigende Nachfrage erwartet. Seit dem 1. September gibt es Wegovy hierzulande auch als Tablette. Sie ist verschreibungspflichtig und kostet rund 170 bis 230 Euro im Monat aus eigener Tasche, weil Abnehmmittel als Lifestyle-Präparate gelten und von den gesetzlichen Kassen nicht übernommen werden.
Schwedisches Stiftungsgeld für Homburg
Hinter der Eklund Foundation steht die schwedische Unternehmerfamilie Eklund, Eigentümerin des Mundhygieneherstellers TePe. Ihre Stiftung vergibt seit 2016 jährlich bis zu 275.000 Euro an zahnmedizinische Forschung in aller Welt, in diesem Jahr sind es rund 242.000 Euro für drei Universitätsprojekte. „Die diesjährigen Projekte spiegeln die Vielfalt und wissenschaftliche Qualität der heutigen zahnmedizinischen Forschung wider“, sagte Vorstandsvorsitzender Joel Eklund bei der Bekanntgabe am 1. Oktober. Neben Homburg kommen Forscher der Berliner Charité und des Universitätsklinikums Würzburg zum Zug. Sie wollen herausfinden, warum junge und schwangere Frauen ein höheres Risiko für schwere Parodontitis tragen. Das dritte Stipendium geht an ein Team der Universität Complutense in Madrid, das untersucht, ob Diabetes die Fähigkeit der Mundbakterien beeinträchtigt, Stickstoffmonoxid zu bilden. Mit 120.000 Euro fließt fast die Hälfte der Fördersumme nach Homburg.





