Bei Bodo Wartke hat sogar der Drucker eine Identitätskrise. Im Oktober bringt der Klavierkabarettist sein siebtes Soloprogramm in die Merziger Stadthalle.
Wer bei Bodo Wartke zuerst an Rhabarber denkt, ist in bester Gesellschaft. „Barbaras Rhabarberbar“ hatte Wartke im Dezember 2023 mit dem Produzenten Marti Fischer veröffentlicht. Im Mai 2024 ging der Zungenbrecher-Rap dann weltweit auf TikTok viral, samt eigener Tanzchoreografie. Die New York Times vermerkte, dass das Video in einigen Streaming-Charts kurzzeitig vor Beyoncé lag. Ganz neu war das Netz für Wartke da allerdings nicht, denn seine Zungenbrecher-Reihe hatte schon im Herbst 2023 zig Millionen Aufrufe gesammelt. Wer ihn länger verfolgt, kennt ihn ohnehin als Klavierkabarettisten, der seine Lieder seit Ende der Neunziger konsequent in Reime setzt und dafür Kleinkunstpreise sammelt wie andere Leute Kronkorken.
Mit seinem siebten Soloprogramm ist Wartke seit der Premiere im Dezember 2024 im Berliner Admiralspalast unterwegs. Wer den Titel laut ausspricht, hört den wunden Punkt gleich mit. Wartke schreibt ihn einfach zusammen und lässt ihn so ins Wunderbare kippen. Um diese kleine Verschiebung dreht sich der ganze Abend, denn laut Ankündigung setzt er das Staunen gegen die Macht der Gewohnheit und stellt den alten Mustern den Humor an die Seite. „Leichtigkeit! – Warum nicht?“, heißt es dort.
Wenn der Drucker im falschen Körper steckt
Seine Stoffe findet Wartke im Alltag, am liebsten an den Stellen, an denen es hakt. Streikt bei ihm der Drucker, liegt das an einer handfesten Identitätskrise, denn das Gerät steckt, so die Programmbeschreibung, im falschen Körper. Das aus Kinderreimen bekannte „Eierloch“ schickt einen schlaftrunkenen Musiker auf einen Bewusstseinsstrom, den die Veranstalter haarsträubend-abstrus und zugleich philosophisch nennen. Solche Geschichten erzählt Wartke am Klavier und verdichtet sie dabei im doppelten Sinn, zur Pointe und zum Gedicht.
Auch die Zungenbrecher, mit denen er im Netz bekannt wurde, gehören wieder dazu. Wartke baut bekannte Sprachstolperfallen zu Gedichten und kurzen, ziemlich anarchischen Geschichten aus und rappt sie mal zum Klavier, mal zur Cajon, quer durch verschiedene Musikstile. Wer zu Hause nachüben will, findet die Sammlung „Zungenbrecher 4.0“ inzwischen auf CD und Vinyl.

Von der Achtziger-Ballade bis zu Schönberg
Musikalisch sampelt sich Wartke durch so ziemlich alles, was auf eine Klaviatur passt. Seine augenzwinkernde Ode an das „Mixtape“ gilt den Liebeshits der Achtziger, also jenen Jahren, in denen man Bandsalat noch mit dem Bleistift zurückspulte. Passenderweise ist das Album zum Programm auch als Kassette erschienen. Das „Mansplaining“ nimmt er sich provokant-sarkastisch als Rock ’n’ Roll vor. Außerdem wagt er einen Ausflug in die Zwölftonmusik, jene Kompositionsmethode, die Arnold Schönberg und sein Wiener Kreis um 1920 entwickelten und in der kein Ton mehr über den anderen herrscht. Wartke feiert sie folgerichtig als Ausdruck des demokratischen Gedankens. Leiser wird es in einer Klassik-Adaption, einer zarten Ode an den Mond, die das Publikum mit hinaufnimmt und im Blick zurück einen Perspektivwechsel anbietet.
Ganz ohne Schwere kommt „Wunderpunkt“ allerdings nicht aus. Wartke blickt auf früh erlernte, ungesunde Verhaltensmuster, die ein Leben bestimmen können, und nimmt sich Frauenfeindlichkeit und die radikale Auslegung religiöser Dogmen vor. Dazu kommt ein hoffnungsvoller Gedanke. Wie sähe die Welt aus, wenn die vielen wunden Punkte der Menschheit einmal verheilt wären? Auf dem Weg dorthin werde es Versprecher und Stolperer geben, kündigt er an. Wartke heißt sie ausdrücklich willkommen, was bei jemandem, der seit Jahren Zungenbrecher auf die Bühne bringt, eine gewisse Konsequenz hat.
Ein alter Bekannter im Saarland
Die Mischung aus Sprachspiel und Ernst hat Wartke eine lange Reihe von Auszeichnungen eingebracht. 2023 erhielt er den Deutschen Sprachpreis der Henning-Kaufmann-Stiftung für seinen „äußerst bewussten, kreativen und spielerischen Umgang mit der deutschen Sprache“. In diesem Jahr folgte der Salzburger Stier, den die öffentlich-rechtlichen Radiosender aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol vergeben, auf deutscher Seite über die ARD, zu der auch der Saarländische Rundfunk gehört. Sein „Liebeslied“ gibt es in Dutzenden Sprachen, darunter Esperanto und Klingonisch. Mit „König Ödipus“ und „Antigone“ hat er außerdem zwei antike Tragödien komplett in Reimform auf die Bühne gebracht.
Einer der ersten Einträge auf dieser Liste stammt aus dem Saarland. 1998 gewann Wartke bei der St. Ingberter Pfanne den Jury- und den Publikumspreis, nach eigenen Worten einer der ersten Kleinkunstpreise, die er damals bekam. Rund 28 Jahre später kommt er mit Klavier, Cajon und einem Programm voller Wortakrobatik zurück in die Region, diesmal nach Merzig.
Bodo Wartke – „Wunderpunkt“
Mittwoch, 14. Oktober 2026, 20 Uhr (Einlass 19 Uhr), Stadthalle Merzig, Zur Stadthalle 4, 66663 Merzig. Der Normalpreis bei Ticket Regional liegt bei 43,90 Euro. Karten gibt es im Villa Fuchs Ticket Büro in der Stadthalle, bei allen Ticket-Regional-Vorverkaufsstellen und unter villa-fuchs.de. Rollstuhlplätze direkt beim Veranstalter unter 06861 93670 oder kontakt@villa-fuchs.de. Eine Veranstaltung des Kreiskulturzentrums Villa Fuchs und der Kreisstadt Merzig.


