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Jugendwort 2026: Was Crashout, Gute Käse und Süper eigentlich heißen

Dass die „Tagesschau“ einmal singen würde, war nicht abzusehen. Als Susanne Daubner Ende Juli die zehn Kandidaten für das Jugendwort des Jahres 2026 vorlas, stimmte die 65-Jährige mitten im Clip die Zeile „Du bist gut genuuuuug“ an, zu sehen auf dem Instagram-Account der Sendung. Damit ist über diesen Wettbewerb fast alles gesagt. Jugendsprache wird vor allem dann zum Ereignis, wenn Erwachsene sie in die Hand nehmen – als Kult, als Fremdscham und in diesem Jahr auch als Streit.

Seit dem 28. Juli läuft die zweite Phase. Bis zum 20. August kann online über die Top 10 abgestimmt werden, danach machen die drei stimmstärksten Begriffe das Rennen unter sich aus. Zur Wahl stehen: Peak, 67, Ragebait, Schere, Süper, Crashout, Digga, Du bist gut genug, Gute Käse und Macker.

Von Gaming-Slang bis Ultramarathon

An der Liste lässt sich ablesen, woher Sprache heute kommt. „Peak“ heißt Gipfel und wird auch so verwendet, ist etwas peak, ist es das Beste vom Besten. Bei „Süper“ reichte ein Video. Ein Ultramarathonläufer antwortete nach dem Rennen auf die Frage, wie es ihm gehe, nur „Süper!“, und seitdem ist der türkische Ausdruck nach Angaben des Langenscheidt-Verlags auch hier bekannt. „Gute Käse“ bedeutet wörtlich nichts und ist trotzdem ein Lob, ein Song kann wirklich gute Käse sein. Wer dagegen die Fassung verliert, ernst gemeint oder ironisch, geht „Crashout„. „Schere“ stammt aus der Gaming-Szene und heißt so viel wie „mein Fehler“, „Ragebait“ meint Inhalte, die absichtlich triggern, mit provokanten Thesen, Falschbehauptungen oder wilden Meinungen, weil Wut im Netz zuverlässig Reichweite bringt. Bleiben zwei alte Bekannte: „Digga„, der Dauergast der Endauswahl, je nach Lage Bruder, Kumpel oder einfach du da, und „Macker„, das schon die Älteren kannten und unverändert zurückkehrt, meist ironisch oder liebevoll für Freund, Crush oder Kumpel.

Zwei der zehn sind eigentlich gar keine Wörter. „67„, gesprochen „six seven“, bedeutet nichts, und selbst Jugendliche können nicht erklären, was die Zahlenfolge sagen soll; sie passt zu jeder Gelegenheit, gern mit abwägender Handbewegung. Als Ursprung gilt eine Mischung aus TikTok, Basketball-Memes und dem Song „Doot Doot (67)“ des US-Rappers Skrilla. Dictionary.com erklärte „67″ trotzdem – oder deshalb – im Oktober 2025 zu seinem Wort des Jahres und schrieb, das vielleicht bezeichnendste Merkmal sei, dass sich der Ausdruck nicht definieren lässt.

Der zweite Fall ist eine Refrainzeile. „Du bist gut genug“ stammt aus „Gut genug“ von KitschKrieg, Blumengarten und Shirin David. Der Titel stand Ende Juni seit zwei Wochen auf Platz eins der deutschen Charts und stieg auf Platz 192 in die US-Billboard-Charts ein, laut Plattenfirma Sony als erster deutscher Song in diesem Jahrtausend. Befördert hat das ein englischsprachiges Publikum, das im Refrain „Doobie Scoot Canoe“ verstand, und auf TikTok wird die mit Kopfstimme gesungene Zeile inzwischen zu „Arbeitszeitbetruuuuug“ oder „Es ist warm genuuuuug“ umgedichtet.

Der Streit um die „Mehrzweckeier“

Ein Begriff fehlt allerdings, und über den wird mehr geredet als über die zehn, die dabei sind. „Mehrzweckeier“ war nach Angaben von Langenscheidt am Ende der Einreichungsphase unter den zehn häufigsten Vorschlägen, wurde aber nicht zur Abstimmung zugelassen. „Da der Begriff auf eine Kampagne zurückgeht und gleichzeitig auf einer persönlichen Beleidigung beruht, erfüllt er gleich zwei zentrale Ausschlusskriterien“, teilte der Verlag mit. Dahinter steht wohl eine Abwandlung von „Merz leck Eier„. Diese Worte trug ein 18-jähriger Schüler Anfang März bei einer Berliner Demonstration gegen die Wehrpflicht auf einem Plakat; die Polizei beschlagnahmte es und leitete nach eigenen Angaben Ermittlungen wegen des Anfangsverdachts der üblen Nachrede und Verleumdung gegen Personen des politischen Lebens ein. Danach tauchte der Spruch auf weiteren Protestzügen auf, und aus dem beschlagnahmten Plakat wurde ein Sprachspiel.

In einem taz-Kommentar hat Redakteur Johannes Drosdowski den Ausschluss scharf kritisiert. Schade sei, „dass der Verlag da crashout geht und sich offenbar nur mit angenehm harmloser Jugendkultur schmücken will“. Man muss ihm nicht in allem folgen, um den Widerspruch zu sehen, in dem Langenscheidt steckt. Der Wettbewerb lebt davon, dass Jugendliche ihre Realität abbilden, und zu dieser Realität gehörte in diesem Frühjahr die beschlossene Musterungspflicht für junge Männer, die ab Juli 2027 beginnen soll und gegen die im März Schülerinnen und Schüler demonstrierten. Andererseits hebelt eine organisierte Einreichungskampagne genau das aus, was der Wettbewerb messen will, nämlich alltäglichen Sprachgebrauch. Beides stimmt.

Wer eigentlich abstimmt

Der Sprachgebrauch bleibt ohnehin schwer zu fassen. Eingereicht werden konnte seit dem 29. Mai, und zwar nur von 11- bis 20-Jährigen, gezählt werden auch nur deren Einsendungen. Beim Voting selbst darf jede und jeder mitmachen, weil der Datenschutz eine Altersprüfung verbietet. Ein Verlagsgremium sortiert offensichtliche Fakes, Kampagnen und alles Beleidigende, Diskriminierende oder Sexistische aus, rund drei Viertel der Einreichungen waren in den Vorjahren verwertbar. Woher ein Wort stammt, spielt keine Rolle – Deutsch, Englisch, Türkisch und Arabisch stehen längst nebeneinander in den Top 10.

Gewählt wird das Jugendwort seit 2008, damals gewann „Gammelfleischparty“, später kamen „Babo“ und „Smombi“, Begriffe, bei denen der Verdacht nie ganz ausgeräumt wurde, dass sie mehr über die Fantasie Erwachsener aussagen als über Schulhöfe. Zuletzt wurde es dafür umso enger, „das crazy“ setzte sich 2025 mit 35,7 Prozent gegen „goonen“ mit 35,5 Prozent durch, bei knapp zwei Millionen Stimmen und einem Vorsprung von 0,2 Prozentpunkten.

Die Top 3 will Langenscheidt am 28. August bekanntgeben, das Finale läuft bis zum 28. September, verkündet werden soll der Sieger am 10. Oktober. Den Rahmen hatte der Verlag zunächst offengelassen; der Termin fällt in die Frankfurter Buchmesse, die vom 7. bis 11. Oktober läuft und auf der im vergangenen Jahr „das crazy“ gekürt wurde.

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