Windpocken gelten vielen als harmlose Kinderkrankheit. Dabei können sie bei Erwachsenen, Schwangeren oder Menschen mit geschwächtem Immunsystem schwer verlaufen. Weil die Fallzahlen im Saarland in diesem Jahr ungewöhnlich hoch liegen, rät das Gesundheitsministerium jetzt dazu, den Impfschutz zu überprüfen.
Bis Anfang September registrierte das Robert-Koch-Institut 136 Windpocken-Fälle im Saarland. Mehr als in jedem der vergangenen Jahre. Am stärksten betroffen ist der Regionalverband Saarbrücken, wo es in diesem Jahr bereits mehrfach zu Ausbrüchen in Schulen und Kindertageseinrichtungen kam und vor allem Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre erkrankten. Zwei weiterführende Schulen dort mussten deshalb schon Kinder und Jugendliche ohne nachgewiesenen Impfschutz oder durchgemachte Erkrankung zeitweise nach Hause schicken, um die Verbreitung der Infektion einzudämmen.
Windpocken würden oft als harmlose Kinderkrankheit angesehen, sagt Gesundheitsminister Magnus Jung. Dabei könne die Krankheit bei Säuglingen, Jugendlichen, Erwachsenen, Schwangeren und Menschen mit geschwächtem Immunsystem deutlich komplizierter verlaufen und Lungenentzündungen, bakterielle Hautinfektionen oder Entzündungen des Gehirns auslösen, auch wenn sie bei gesunden Kindern meist unkompliziert bleibt. Das Ministerium beobachte die Zahlen deshalb genau und stehe in engem Austausch mit den Gesundheitsämtern, erklärt Jung.
Jeder fünfte Zweijährige ohne vollständigen Impfschutz
Dass sich das Virus in diesem Jahr so leicht verbreiten konnte, hat auch mit der Impfquote zu tun. Nach RKI-Zahlen sind zweijährige Kinder im Saarland nur zu etwa 80 Prozent vollständig gegen Windpocken geimpft, bis zur Einschulung steigt der Wert auf rund 90 Prozent – ein Niveau, das sich mit bundesweiten Werten bei Schuleingangsuntersuchungen deckt. Seit 2004 empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die Windpockenimpfung für alle Kinder, seither sind die gemeldeten Fallzahlen bundesweit stark zurückgegangen. Umso auffälliger fällt der aktuelle Anstieg im Saarland aus. Niedrige Impfquoten begünstigen solche Ausbrüche: Noch immer werden zu viele Kinder gar nicht, nicht zum empfohlenen Zeitpunkt oder nur unvollständig geimpft, wie das Ministerium betont. Wer selbst weder geimpft wurde noch die Windpocken nachweislich durchgemacht hat, sollte die Impfung nachholen, rät das Ministerium. Das gelte besonders für Frauen mit Kinderwunsch sowie für Beschäftigte in medizinischen Berufen und Gemeinschaftseinrichtungen. Eltern empfiehlt das Ministerium, den Impfstatus ihres Kindes in der Kinderarztpraxis überprüfen zu lassen.
Ansteckend schon vor dem ersten Bläschen
Ausgelöst werden Windpocken durch das Varizella-Zoster-Virus, sie zählen zu den ansteckendsten Infektionskrankheiten überhaupt und zeigen sich durch Fieber und einen juckenden Hautausschlag mit den typischen Bläschen. Übertragen wird das Virus vor allem über winzige Speicheltröpfchen, die Erkrankte beim Atmen, Husten, Niesen oder Sprechen freisetzen, fast jeder Kontakt zwischen einer ungeschützten Person und einem Erkrankten führt zur Ansteckung. Besonders ansteckend ist außerdem die Flüssigkeit der Bläschen, wenn diese platzen – über die Hände gelangen die Viren dann leicht auf Mund- oder Nasenschleimhaut. Ansteckungsfähig sind Erkrankte nach Angaben des Robert-Koch-Instituts bereits ein bis zwei Tage, bevor der Ausschlag überhaupt sichtbar wird, und bleiben es, bis die Bläschen vollständig verkrustet sind – in der Regel fünf bis sieben Tage später. Wer die Krankheit einmal durchgemacht hat, trägt das Virus danach als Ruheform im Körper. Jahre später kann es erneut aktiv werden und dann als Gürtelrose auftreten.
Windpocken-Impfung: die STIKO-Empfehlung Die Grundimmunisierung besteht aus zwei Impfungen: die erste im Alter von 11 bis 14 Monaten, die zweite im Alter von 15 bis 23 Monaten. Wer diesen Zeitpunkt verpasst hat, kann die Impfung in jedem Alter nachholen. Auskunft und Beratung gibt es in jeder Kinderarztpraxis.


