Manche Büros sind in einer Stunde leergeräumt. Bei Annette Steinmetz passen dreißig Jahre nicht so recht in die Kartons.
Das Büro auszuräumen, sagt Annette Steinmetz, fühle sich an, „als würde ich zu Hause ausziehen.“ Mehr als drei Jahrzehnte hat sie im Zentral-OP des Klinikums Saarbrücken gearbeitet, seit 2014 als Leiterin des Bereichs. Jetzt macht sie das Licht aus und geht in den Ruhestand – und mit ihr verschwindet eine Menge Wissen, das nirgends im Dienstplan steht.
Wer den OP von außen betrachtet, denkt an Skalpelle und Monitore. Steinmetz‘ Arbeitsgerät war der Plan. Jeden Tag aufs Neue musste zusammenpassen, was selten zusammenpassen will: der richtige Saal, der richtige Eingriff, das richtige Team. In enger Abstimmung mit PD Dr. Konrad Schwarzkopf, dem Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin, und einem ärztlichen Vertreter der Chirurgie stellte sie das Programm auf. „Der tägliche OP-Plan entsteht aus geplanten Operationen, verfügbarem Personal, Notfällen und spontanen Ausfällen“, sagt sie. „Selten läuft alles nach Plan.“
Das ist der Teil, den die Fernsehserien gern weglassen. Im OP-Drama ist der Notfall nach 45 Minuten gelöst; im echten Winterberg schiebt er den ganzen Tag durcheinander. „Wenn eine Operation länger dauert oder ein Notfall dazwischenkommt, verschiebt sich der gesamte Ablauf“, sagt Steinmetz. „Für Patientinnen und Patienten, die auf einen Eingriff warten oder eine Absage erhalten, ist das oft schwer nachvollziehbar. Wir versuchen immer, alles möglich zu machen, aber manchmal reichen die Ressourcen nicht aus.“
Das Ausmaß hilft, das zu verstehen. Das OP-Team betreut die Eingriffe von neun chirurgischen Kliniken, verteilt auf zwölf Säle im Zentral-OP und vier weitere Operationsbereiche außerhalb. Getragen wird das von den Operationstechnischen Assistenten, einem Beruf, den kaum jemand von außen kennt und der doch über jeden reibungslosen Eingriff mitentscheidet. „Jede und jeder hat seinen Platz, der Ablauf funktioniert wie ein Uhrwerk“, sagt Steinmetz. Den Tisch vorbereiten, instrumentieren, als Springer einspringen, wenn Nachschub fehlt – die Handgriffe sitzen, weil das Team eng zusammenarbeitet. „Wer Ordnung mag, strukturiert arbeitet und technisches Verständnis mitbringt, ist im OP genau richtig.“
Dass ausgerechnet sie einmal diesen Takt vorgeben würde, war 1980 nicht abzusehen. Damals begann Steinmetz ihre Ausbildung zur Krankenschwester. Erst nach verschiedenen Stationen und einer Familienphase wechselte sie 1995 in den Zentral-OP des Winterbergs – die Entscheidung, die ihr Berufsleben prägen sollte. 2008 übernahm sie die stellvertretende Leitung und bildete sich im mittleren Management weiter, 2014 rückte sie an die Spitze. „Die 30 Jahre sind schnell vergangen“, sagt sie. „Der OP ist zu meiner zweiten Familie geworden. Dieses ausgeprägte Teamgefühl habe ich vorher noch nie erlebt.“
Und jetzt? „Alles hat seine Zeit. Jetzt kommt das, wofür im Alltag oft keine Zeit war. Ich freue mich darauf.“ Der Bereich, den sie hinterlässt, wird künftig auf mehrere Schultern verteilt: OP-Manager Alexander Koppey übernimmt gemeinsam mit OP-Leitung Katja Schmitt und deren Stellvertreterin Stefanie Jäckel die Steuerung des Zentral-OPs. Ein Uhrwerk läuft weiter, auch wenn die, die es lange aufgezogen hat, das Büro leerräumt.



