Ryan Murphys True-Crime-Anthologie widmet ihre vierte Staffel erstmals einer Frau, die nie verurteilt wurde. Netflix erzählt den berühmtesten Axtmord Amerikas als queeres Rachemärchen, und die historische Genauigkeit bleibt dabei auf der Strecke.
Kaum ein amerikanischer Kriminalfall aus dem 19. Jahrhundert hat sich derart hartnäckig ins kollektive Gedächtnis gefräst wie der Doppelmord von Fall River, Massachusetts. Am Morgen des 4. August 1892 wurden Andrew Borden und seine zweite Frau Abby in ihrem eigenen Haus mit einer Axt erschlagen aufgefunden, und binnen einer Woche richtete sich der Verdacht gegen niemand anderen als die Tochter des Hauses, Lizzie. Obwohl eine Jury sie 1893 nach kurzer Beratung freisprach, hat sich an der öffentlichen Überzeugung ihrer Schuld bis heute wenig geändert, was vor allem an einem Kinderreim liegt, der Generationen amerikanischer Schulhöfe begleitete: Lizzie Borden nahm eine Axt und verpasste ihrer Mutter vierzig Schläge, und als sie sah, was sie getan hatte, gab sie ihrem Vater noch einundvierzig dazu. Eine Zahl, die mit der tatsächlichen Anzahl der Axthiebe übrigens nichts zu tun hat, was den Reim seither nicht daran gehindert hat, zur eigentlichen Wahrheit über den Fall zu werden.
Verfilmt wurde die Geschichte entsprechend oft, von einer Lifetime-Produktion mit Christina Ricci bis zu dem 2018 erschienenen Independent-Film „Lizzie“, in dem Chloë Sevigny und Kristen Stewart bereits eine Liebesbeziehung zwischen Lizzie und dem Hausmädchen Bridget Sullivan als Tatmotiv durchspielten. Wer also glaubt, Showrunner Ian Brennan habe sich die queere Romanze zwischen Herrin und Dienstmädchen für „Monster: The Lizzie Borden Story“ neu ausgedacht, kennt die Verfilmungsgeschichte des Falls nicht gut genug. Was Brennan von seinen Vorgängern unterscheidet, ist eher das Ausmaß, mit dem er sich von jeder dokumentierten Tatsache verabschiedet, gerechtfertigt mit dem gerne zitierten Satz, wonach die Abwesenheit von Beweisen kein Beweis für deren Abwesenheit sei.
„Monster“ Staffel 4: eine Frau als Titelfigur, zum ersten Mal
Nach den Serienmördern Jeffrey Dahmer und Ed Gein sowie den wegen Doppelmords verurteilten Brüdern Menendez ist Lizzie Borden die erste Titelfigur der Netflix-Anthologie, die überhaupt nie verurteilt wurde, und mit Ella Beatty, Tochter von Annette Bening und Warren Beatty, übernimmt erstmals eine Schauspielerin die Hauptrolle. Ihr zur Seite steht Vicky Krieps als Hausmädchen Bridget Sullivan, während Charlie Hunnam, der in der vorigen Staffel noch den Leichenschänder Ed Gein spielte, diesmal als Andrew Borden die Axt zu spüren statt sie zu schwingen bekommt. Rebecca Hall als Stiefmutter Abby liefert dabei die pointiertesten Momente der Staffel, mit einer Bösartigkeit, die sie mit spürbarem Vergnügen und kitschiger Übertreibung auskostet, während Billie Lourd als Schwester Emma und Jessica Barden als Schauspielerin Nance O’Neil das Ensemble um die Frauen herum vervollständigen, die in Brennans Version zunehmend die eigentliche Handlung tragen.

Sarah Paulsons Auftritt als Serienmörderin Aileen Wuornos ragt dabei besonders auffällig aus einer völlig anderen Zeitebene in die Staffel hinein, ohne dass die beiden Frauen sich je begegnet wären. Netflix begründet das mit einer übergreifenden Erzählung weiblicher Wut, die sich durch verschiedene Epochen ziehe, und tatsächlich gelingt Paulson eine erstaunlich genaue Verkörperung von Wuornos‘ Mimik und Sprachduktus. Als dramaturgisches Mittel bleibt die Verbindung zwischen einer 1892 freigesprochenen Bürgerstochter und einer 1991 verurteilten Auftragsmörderin trotzdem reichlich bemüht, ein thematischer Kurzschluss, der mehr behauptet als erklärt.
Acht Folgen lang verwandelt sich das Haus der Bordens in einen Schauplatz aus Demütigung und Grausamkeit, aus dem sich Lizzie und Bridget laut offizieller Beschreibung in eine Fantasie aus Sex, Macht und Rache flüchten. Und wer die erste Staffel um Jeffrey Dahmer im Gedächtnis hat, die noch als deutlich stärker faktenbasiert galt, wird sich wundern, wie weit sich die Reihe seither von ihrem eigenen Anspruch auf wahre Verbrechen entfernt hat. Brennan interessiert dabei weniger, dass Bridget Sullivan der Überlieferung nach später nach Montana auswanderte und dort heiratete, als die Version von ihr, die Vicky Krieps selbst im Magazin Vanity Fair als eine Art zeitreisende Kreuzung aus Mary Poppins und Courtney Love beschrieben hat.

Das Ensemble trägt „Monster: The Lizzie Borden Story“ über weite Strecken, Rebecca Hall allen voran, während die Serie selbst zwischen historischem Kammerspiel und ausufernder Fantasie nie ganz zur Ruhe kommt. Wer auf den nüchternen True-Crime-Blick der ersten Staffel gehofft hatte, wird enttäuscht. Wer sich auf ein freies, mitunter überdrehtes Spiel mit einer der bekanntesten amerikanischen Kriminallegenden einlässt, findet durchaus unterhaltsame acht Stunden, nur eben kaum noch etwas von der wirklichen Lizzie Borden.
Monster: The Lizzie Borden Story Genre: True-Crime-Drama Regie: Max Winkler, Sarah Adina Smith Showrunner/Autor: Ian Brennan (mit Ryan Murphy als Co-Creator der Anthologie) Cast: Ella Beatty, Vicky Krieps, Charlie Hunnam, Rebecca Hall, Billie Lourd, Jessica Barden, Sarah Paulson Sender/Plattform: Netflix Staffel: Staffel 4 der Anthologie-Reihe „Monster“, 8 Folgen Start: 17. September 2026


