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Franz Biberkopf in der Alten Feuerwache – Christoph Mehler schickt Döblins Helden durch das Berlin der Zwanziger

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Nach der Haft will Franz Biberkopf nur noch eines, nämlich anständig sein, und er merkt schon auf dem Alexanderplatz, dass ihm das Berlin von 1928 dabei keinen Gefallen tut. Wie ihn Brot, Liebe und die Unterwelt trotzdem Schritt für Schritt ins Verderben ziehen, erzählt Schauspieldirektor Christoph Mehler in der Alten Feuerwache mit großer Besetzung, Videobildern und Livemusik am Flügel.

Franz Biberkopf steht auf dem Alexanderplatz und hat keine Ahnung, wohin mit sich. Hinter ihm liegt das Gefängnis, in dem er dafür büßen musste, dass er seine Freundin Ida erschlagen hat, und so seltsam das klingt: Dort hatte er feste Zeiten, klare Regeln und damit Struktur. Draußen gibt es davon nichts. Dafür bevölkern die orthodoxen Juden des Scheunenviertels, Kriegsversehrte, Kleinkriminelle und Prostituierte das Berlin von 1928, und mittendrin steht ein Mann, der sich vorgenommen hat, von jetzt an ein ehrbares Leben zu führen.

Der Vorsatz hält genau so lange, bis das tägliche Brot, die Liebe und die Anerkennung anklopfen. An Biberkopf ziehen zwei Kräfte, sein Anspruch, anständig zu sein, und sein Verlangen nach allem, was ein Mensch zum Leben braucht, und sobald er diesem Verlangen nachgibt, nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Dazu kommen die Verlockungen der Unterwelt, und seine eigene Labilität erledigt den Rest, bis der Neubeginn in einer zerstörerischen Spirale endet.

Der Roman, den Fassbinder auf rund fünfzehn Stunden ausbreitete

Alfred Döblins Geschichte vom Franz Biberkopf erschien 1929 bei S. Fischer in Berlin und gilt bis heute als eines der wichtigsten und innovativsten Werke der Weimarer Republik. Döblin erzählt in Montagen: Stimmen, Zeitungsmeldungen, Lieder und Reden greifen ineinander, und die Stadt selbst spielt fast die Hauptrolle. An so einem Buch haben sich schon mehrere Filmleute abgearbeitet. Phil Jutzi drehte 1931 einen Film, an dessen Drehbuch Döblin selbst mitarbeitete, Rainer Werner Fassbinder machte 1980 eine vierzehnteilige Fernsehserie von rund fünfzehn Stunden daraus, und Burhan Qurbani verlegte die Geschichte 2020 in die Gegenwart. In seinem Film, der im Wettbewerb der Berlinale lief, heißt der Held Francis und stammt aus Guinea-Bissau, ein Mann, der in Deutschland neu anfangen will.

In Saarbrücken spielt das Staatstheater die Bühnenfassung von Oliver Reese, der seit der Spielzeit 2017/18 das Berliner Ensemble leitet, unter dem Untertitel „Sinfonie der Großstadt“.

Mehler, Berlin und die Alte Feuerwache

Für Christoph Mehler ist dieser Abend, so das Staatstheater, ein Herzensprojekt, und Berlin ist ihm kein fremdes Pflaster. Von 2006 bis 2009 leitete er am Deutschen Theater die Spielstätte „Box und Bar“, später war er Hausregisseur am Schauspiel Frankfurt, und seine Nürnberger „Woyzeck“-Inszenierung wurde bei den 30. Bayerischen Theatertagen als beste Produktion ausgezeichnet. Seit der Spielzeit 2023/24 verantwortet er die Schauspielsparte am Saarländischen Staatstheater, wo er schon zuvor inszenierte, etwa „Dantons Tod“ in der Spielzeit 2017/18 und „Hexenjagd“ 2019/20. Seit dem 12. September läuft von ihm außerdem „Cabaret“ im Großen Haus, ebenfalls ein Stoff aus dem Berlin der Zwanziger, womit die Stadt in dieser Spielzeit gleich zweimal auf Mehlers Programm steht.

Gespielt wird in der Alten Feuerwache am Landwehrplatz, der zweitgrößten Spielstätte des Hauses, die bis zu 240 Plätze in flexibler Bestuhlung bietet und seit 1982 als Theater dient.

Dreizehn Schauspielende und ein Flügel

Fabian Gröver spielt Franz Biberkopf, Raimund Widra seinen Gegenspieler Reinhold und Dorothée Neff die Mieze. Dreizehn Schauspielende stehen auf der Bühne, und etliche von ihnen schlüpfen in mehrere Rollen: Christiane Motter ist Eva und Georg, Gregor Trakis Herbert, Invalide und Jude, Verena Bukal Minna, Karla und Kommissar. Nicolai Gonther und Florenze Schüssler treten unter anderem als Engel auf, und Gaby Pochert gibt den Tod.

Die Musik hat Christoph Iacono komponiert, der sie auch live am Flügel spielt. Stefano Di Buduo verantwortet Bühne und Video, für die das Staatstheater spektakuläre Bilder ankündigt, während Jennifer Hörr für die Kostüme zuständig ist, Patrik Hein für das Licht und Verena Katz für die Dramaturgie.

Die Inszenierung will den großen menschlichen Fragen nachgehen, der nach Gerechtigkeit in der Welt und der Verantwortung für das eigene Leben ebenso wie der nach Liebe, Sühne und Vergebung. Ob Biberkopf zu ein bisschen Gerechtigkeit findet, in sich selbst wie in dieser Welt, lässt sich ab dem 14. November verfolgen, an elf Terminen bis in den April 2027.

Berlin Alexanderplatz

Nach dem Roman von Alfred Döblin, Bühnenfassung von Oliver Reese
Saarländisches Staatstheater, Alte Feuerwache, Am Landwehrplatz 2, 66111 Saarbrücken
Termine: Sa 14.11., Di 17.11., Fr 20.11., Fr 4.12., Sa 5.12., Mi 9.12. (jeweils 19.30 Uhr), So 3.1.2027 (18 Uhr), Fr 29.1., Do 4.2., Do 11.3., Fr 16.4.2027 (jeweils 19.30 Uhr)
Karten und Infos: staatstheater.saarland

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