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Von Stephan Bonaventura
Rund 15.000 Menschen hat Prof. Dr. med. Rüdiger Lange in seiner Laufbahn am Herzen operiert. Im Jahr 2000 gelang ihm als erstem Operateur weltweit eine total endoskopische, roboterassistierte Mitralklappenrekonstruktion. In seinem Buch „Herzblut“ erzählt der langjährige Ärztliche Direktor des Deutschen Herzzentrums München von Entscheidungen zwischen Leben und Tod, von Angst, Verantwortung und den Grenzen des medizinisch Machbaren. Im Gespräch mit dem Jetzt. Magazin erzählt er vor seinem anstehenden Saarland-Besuch von der Faszination eines Fachs, das mit dem Tod ringt, über künstliche Intelligenz in der Medizin und darüber, warum Spitzenmedizin nie das Werk einzelner Helden ist.
Herr Professor Lange, war die Herzchirurgie für Sie schon zu Beginn Ihres Medizinstudiums ein klares Ziel oder entstand dieser Wunsch erst später? Was hat Sie an diesem Fach schließlich so gepackt?
Durch meine Mutter, die ebenfalls Ärztin war, wurde ich schon früh mit diesem Beruf konfrontiert. Der Arztberuf war mir gewissermaßen in die Wiege gelegt, ich habe das als Kind nie ernsthaft hinterfragt. Auffällig ist aber: Wenn man mich nach meinem Berufswunsch fragte, sagte ich nicht „Ich will Arzt werden“, sondern „Ich will Chirurg werden.“ Für mich waren das offenbar zwei verschiedene Berufe. Chirurgen hatten in meiner kindlichen Vorstellung etwas Magisches. Sie beherrschten ein Handwerk, das andere Ärzte nicht beherrschten, und bewegten sich in diesem emotionalen Grenzbereich zwischen Leben und Tod. Wenn sich die großen Türen zum Operationssaal schlossen, begann eine Welt, zu der nicht jeder Zutritt hatte. Ich wollte dazugehören.
Mich hat an der Chirurgie von Anfang an diese Verbindung fasziniert: Man braucht Wissen und handwerkliches Können, Entscheidungsfähigkeit und Mut – und gleichzeitig Demut. Zur Herzchirurgie kam ich dann während meiner Doktorarbeit, bei experimentellen Herzoperationen. Das war für mich eine Initialzündung. Dieses Organ schlägt ein ganzes Leben lang ohne Pause, reguliert sich in weiten Teilen selbst und reagiert unmittelbar auf das, was man tut. Dieses fast gefühlte Eigenleben hat mich nie wieder losgelassen.
Und am Herzen kommt etwas hinzu, das kein anderes Organ in dieser Form besitzt: Seit Jahrtausenden verbinden wir es mit Leben, Liebe, Angst und Gefühl. Während einer Operation liegt es manchmal still vor einem. Man repariert es, und wenige Minuten später schlägt es wieder. Ich habe während meiner Operationen oft im Stillen mit dem Herzen gesprochen – natürlich nur in Gedanken. Manchmal waren wir Partner, manchmal Gegner. Und manchmal hat es mich verlassen.

„Die Niederlagen haben sich tiefer eingebrannt als die Siege.“
Rund 15.000 Menschen haben Sie im Lauf Ihrer Karriere operiert. Was bleibt von dieser Zahl eigentlich hängen: bestimmte Patienten, schwer zu verkraftende Schicksale oder auch Freudentränen?
15.000 ist eine beeindruckende Zahl, aber sie sagt erstaunlich wenig über das aus, was im Gedächtnis bleibt. Ich sehe keine Statistik vor mir, sondern einzelne Situationen, Gesichter, Eltern, Kinder – manchmal nur einen einzigen Moment im Operationssaal. Manche erfolgreichen Eingriffe verschwimmen mit den Jahren, andere bleiben messerscharf.





